-7

„Das wird soo geil!“ Joe beobachtet mich, wie ich mit den Fingern in der Soße rühre, die Haarfarbe darstellen soll.
„Deine armen Haare. Die würden sich beschweren, wenn sie es könnten, sage ich dir...“
„Ach Quatsch.“ Sie lacht. „Wenn sich hier jemand beschwert, sind es meine Eltern. Auch wenn die sich langsam mal dran gewöhnt haben sollten...“
„Und du bist dir sicher, dass wir die einfach neu färben können, auch wenn noch rote Farbe drin ist...?“
„Jaja...“, meint Joe abwesend, während sie die Packung der Farbe studiert. „Und in einer Stunde sind meine Haare...“ Sie dreht die Vorderseite der Verpackung zu mir, „neongrün. Ha! Und jetzt fang doch endlich ahaaan...“
Sie dreht sich auf dem Schreibtischstuhl einmal in Lichtgeschwindigkeit um sich selbst und schaltet mit der großen Zehe den CD Player an, den sie ins Bad geschleppt hat.
„Na super! Joe, setzt dich doch jetzt mal ruhig hin, sonst hast du später die Farbe überall hängen, nur nicht in den Haaren...“
Nachdem Joe endlich den CD Player in Gang gebracht hat und Muse durch das Badezimmer schallt, setzt sie sich gerade hin und ich fange an, ihr die Haarfarbe in ihrer Mähne zu verteilen.
„Hooooold you in myyy arms, I just wanna tooo hooold you in myyy arms...“, singt Joe mit. Was nicht gerade schön klingt, Joe ist nun mal nicht die musikalischste, ganz zu ihrem Bedauern. Vor einem Jahr hat sie den Traum, Gitarre zu spielen und eine eigene Band zu gründen, aufgegeben, und bewundert mich jetzt immer dabei, wie ich Schlagzeug spiele. Zurzeit leider alleine, weil meine alte Band keinen Bock mehr auf gute Musik hatte...
„Wie weit bist du?“, unterbricht Joe meine Gedanken.
„Nicht sehr weit.“
„WIE weit?“
?Seufz. „Ich hab ungefähr dreißig Prozent geschafft, du ungeduldiges Kind!“
„Angeberin!“ Joe fängt an zu kichern. „Du kannst doch gar nicht in Prozent rechnen!“
„Tja, dafür kannst du kein Latein. Wir schreiben übrigens übermorgen Schulaufgabe.“
Abrupt ist sie still. „Äh... was?“, murmelt sie nach einer schönen, schweigsamen Minute. „Schulaufgabe? Latein?“
?“Ja. Sag bloß, du hast es schon wieder vergessen!“, seufze ich.
„Äh... Ups.“ Joe wird bleich. Kein Wunder, in Latein steht sie auf einer glatten Fünf, und Chancen auf eine Besserung gibt es nicht...
„Tja, liebe Joe, vielleicht hättest du das früher bemerken und lernen sollen!“, grinse ich und beuge mich zu ihr hinunter. „Brauchst du Hilfe?“
„Nee, schon Okay...“, murmelt sie gedankenverloren. Soo unglücklich bin ich nicht darüber, von ihren Bemühungen, die lateinischen Texte zu übersetzen, verschont zu bleiben, also frage ich nicht weiter nach. Dann habe ich zwar zwei Tage lang niemanden zum Abhängen, aber ein paar Stunden faul sein kann ja auch nicht sehr ungesund sein. „Dreh mal lauter!“, fordere ich Joe auf – Supermassive Blackhole, eines meiner Lieblingssongs ist grad dran – und bearbeite weiter ihre Haare.

MARVIN
Das soll es also sein, mein neues zuhause. Ein nicht kleines und nicht großes, weißes Haus mit Garten außenrum. Zwei Bäume, ich glaube Buchen, stehen am Gartenzaun, eine Garage ist am Haus angebaut.
Die Hütte wirkt jetzt noch frustrierender, als sie es gestern tat, als wir hier aufkreuzten, um die Bruchbude zu besichtigen. Drinnen war ich noch nicht, wollte noch einen Tag lang verschont bleiben.
„Na dann mal los!“, fordert uns meine Mutter mit unnatürlicher Freunde auf.
Ohne Widerrede schnappt sich Tom sein Gepäck und verschwindet im Haus, meine Mutter folgt ihm. „Komm jetzt!“ Oha, die blendende Laune meines Vaters. Der greift sich einen Koffer und steigt über die Kartons, die der Möbellieferant schon hierher gebracht hat, in mein neues Heim. Seufzend gehe ich den Kiesweg entlang, durch die Haustür und stehe im Flur. Es gibt hier viele Fenster, deswegen ist es ziemlich hell.
„Marvin, komm doch, ich zeige dir dein neues Zimmer!“ Meine Mutter legt einen Arm um mich und zerrt mich die enge Treppe hoch, bleibt dann mit mir vor einer Tür stehen. „Tina? Tina, komm sofort runter!“, brüllt mein Vater mit wütender Stimme von unten, und sie geht mit grimmigen Blick die Treppe wieder runter.
Zögernd stoße ich mit dem Fuß die Tür auf, lege den Kopf schief und inspiziere mein neues Zimmer. Sehr groß ist es nicht, aber für mich trotzdem groß genug.
Wahrscheinlich hat sich Tom gleich wieder auf das größere Zimmer gestürzt. Was soll´s... Ein paar Kisten und mein Sofa aus der alten Wohnung stehen bereits da. Die Wände sind weiß gestrichen, ich fühle mich wie in einer Arztpraxis... Traurigkeit erfüllt mich, als ich das graue Wetter durch das Fenster sehe und ich lasse mich auf meinem schwarzen Sofa nieder. Warum mache ich das hier eigentlich mit?

MIRIAM
„Das Wetter geht mir auf die Eierstöcke... Mann, das soll Frühling sein?“, seufzt Joe. Wir stehen vor der Schule, ein paar Jungs drängeln sich an uns vorbei. Mein Blick sucht mein Fahrrad, ich war heute morgen gezwungen, mit dieser Foltermaschine zu fahren, weil mein Vater mal wieder keine Lust hatte, mich zur Schule zu bringen...
„Hörst du mir zu?“ Joe wedelt mit der Hand vor meinem Gesicht rum. „Ts, dann werde ich mich mal hinter meine Lateinbücher begeben...“
„Klar, du lernst jetzt noch ganz fleißig!“ Meine Stimme trieft vor Ironie und ich boxe Joe in die Seite. Sie schaut mich böse an. „Mir bleibt ja wohl nix andres übrig als pauken!“, motzt sie. „Also, dann mal ran an die Scheiße...“
Ich habe mein Fahrrad entdeckt, verabschiede mich von Joe und lasse mich vom Strom aus dem Schulgebäude schieben. Weil die Wolken wirklich nach Regen aussehen, beeile ich mich, nach Hause zu kommen. Wie immer ist nur Jessica daheim, deswegen nehme ich mir ein Glas Oliven und schalte meinen Computer an. Meine Chucks pfeffere ich in die Ecke, dann drehe ich die Heizung ein bisschen hoch.
Ich logge mich kurz in ICQ ein und öffne gleichzeitig Dreamweaver, das Programm, mit dem ich meine neue Homepage erstelle. Sebastian ist als einziger online.

Fucking Freak:
Tach...

Sebastian:
Hey ho… Sorry, bin gleich wieder weg. Probleme mit dem Computer...

Fucking Freak:
Tja, so ist das als Benutzer von Windows!

Sebastian:
Angeberin :D


Fucking Freak:
Tja, ich schwöre eben auf Mac...

Sebastian:
So, ich muss... Tut mir Leid, tschüss!

Fucking Freak:
Bis bald...

Ich kille die Verbindung mit dem Internet und starre lustlos auf den Bildschirm. Eigentlich habe ich gerade eben keine Kreativität, um meine Homepage sinnvoll zu erweitern... Nach ein paar Minuten gebe ich es auf, schalte den Computer aus und lege mich mit dem neuesten U-Mag auf mein Bett, die Oliven in der linken Hand.
Blablabla, Virginia Jetzt, langweilige Band, +44, dumme Band... Gelangweilt blättere ich die Zeitschrift durch, und bin schon fast am Ende angekommen, als mich ein Gewinnspiel aufmerksam macht. Konzertkarten. Für Muse. Muse, verdammt!
Vor einem Monat habe ich mir geschworen, endlich mal etwas zu gewinnen – nachdem ich fünfzehn Jahre lang kein Glück hatte, und ab diesem Tag bei jeder Gewinnchance teilgenommen. Also schreibe ich aus Routine eine SMS an die angegebene Nummer. Dann werfe ich das U-Mag zu meinen Schuhen und mache mich genervt an die Hausaufgaben: Latein, Mathe und Physik...

24.1.07 14:10, kommentieren

-6

MARVIN
Ich baue gerade mein Bett neu zusammen, als mir der Gedanke an die neue Schule kommt. Probleme, mich in der Gemeinschaft einzufügen habe ich nicht, so meine Mutter, aber der selbstbewussteste bin ich garantiert auch nicht... Wahrscheinlich besteht meine neue Klasse aus dummen, kichernden Tussen und unverständnisvollen Machos, die nur an Autos und Weiber denken... Ich seufze tief und lege mich auf den Boden. Morgen, der erste Tag in der neuen Schule. Lust habe ich null. Auch auf das Bett-Zusammenbauen plötzlich nicht mehr, also nehme ich mir meine Jacke und gehe an meinem Vater und meiner Mutter vorbei, die mal wieder streiten, nach draußen. Die Wolken haben sich verzogen, trotzdem bessert sich meine Laune nicht. Mit den Händen in der Hosentasche laufe ich die Straße entlang. Nach zehn Minuten komme ich in ein Villenviertel. Schon beim Hinsehen wird mir schlecht. Wie lange soll ich das hier in dieser Gegend aushalten? Ein Bonzenwagen neben dem anderen, die mit einem Lineal beschnittenen Büsche reihen sich fein säuberlich aneinander.
„Hey, du!“ Plötzlich steht ein Mädchen mit pink gefärbten Haaren hinter mir.
„Äh...“
„Bist du nicht neu hierher gezogen?“
Ich nicke. Immerhin keine blonde Tusse mit Minirock...
„Hi. Ich bin die Tanja. Du kommst wahrscheinlich in meine Klasse!“, sagt Pinki. „Hast du auch einen Namen?“
„Marvin.“, murmle ich. Wenn ich gerade gute Laune hätte, würde ich mich vielleicht ein bisschen mit ihr unterhalten, doch ich HABE keine gute Laune.
Das Mädchen, das sich als Tanja vorgestellt hat, grinst mich schief an.
„Na ja, dann bis bald, Marvin!“ Sie dreht sich um und geht in eines der Bonzenhütten. Genervt hole ich meinen MP3 Player aus der Jackentasche und schalte ihn an. Madsen. Dem Bonzenviertel schließt sich erst ein Industriegebiet an, dann bin ich in der Innenstadt. Immerhin kein Kuhkaff hier... Wenigstens einen guten CD-Shop gibt es, stelle ich mit Kennerblick fest. Mit ein paar Schritten stehe ich vor den Plattenregalen und suche ein paar CDs von meinen Lieblingsbands. Na immerhin, davon gibt es hier genug. Mit einer neuen Muse CD verlasse ich den Laden und mache mich auf den Heimweg. Wieder durch das Industriegebiet, ins Viertel der Reichen... Mein MP3 Player ist ausgeschalten in meiner Jackentasche, um so mehr erschrecke ich auch, als ich ein erschreckendes Geräusch höre: ein Hund bellt.
Mein Herz fängt schneller an zu schlagen, als ich mich hektisch umdrehe und in die braunen Augen von einem Golden Retriever sehe. Der Gott sei Dank hinter einem Zaun steht, trotzdem fangen meine Hände an zu zittern und ich drehe mich um, fange an zu rennen.
Der Sportlichste war ich noch nie, deswegen mache ich bald schlapp, glücklicherweise weit weg von dem Ungetüm.
Ich stütze mich an einem Gartenzaun ab und atme tief durch. Meine Panik vor Hunden wird mich noch einmal ins Grab bringen... Den Weg nach Hause – Nach Hause, jetzt benutze ich dieses Wort schon ohne zu Überlegen, furchtbar – überlebe ich ohne weiteren großen Hindernissen.




MIRIAM
„Stell dir vor – Unsere Klasse erhält wahrscheinlich Zuwachs!“
Wieder typisch Joe, kaum habe ich das Telefon abgenommen und mich mit einem „Ja?“ gemeldet, werde ich von Joe ohne Begrüßung mit neuen Infos überschüttet.
„Ja?“, erwidere ich kurz angebunden. Es ist acht Uhr und ich habe bisher weder Hausaufgaben gemacht, noch Schlagzeug geübt.
„Jaaa, wir bekommen einen Neuen! Tanja hat ihn heute gesehen, und sie meint, er sieht echt süß aus! Ist doch total cool, oder? Also wenn ich nicht – „ „Schön für dich, aber du weißt dass ich mich nicht sonderlich für Jungs interessiere, Joe.“
„Nicht mehr, meinst du, oder? Du interessierst dich nicht mehr für Jungs?!“
Es ist still in der Leitung, ich halte inne mit dem Kraulen Blackys Fell.
„Miriam, bist du noch dran? Na ja, ist ja auch egal. Jedenfalls...“
Ich höre auf, ihr zuzuhören. Von wegen egal. Gedankenverloren schaue ich in Blackys gelbe Augen und fängt an zu Schnurren.
„Also, wir sehen uns morgen, okay?“ Joe ist wohl fertig mit ihrer Rede.
„Ja, gute Nacht, bis morgen...“
Ich stecke das Telefon in die Ladestation, hole mir ein Glas Oliven und beginne mit den Hausaufgaben – was aber gar nicht so leicht ist, weil ich den Worten von Joe nachhänge...
Irgendwann gebe ich auf und bringe die Oliven in die Küche zurück. „Na, Süße?“ Mama steht am Herd. “Schon mit Hausaufgaben fertig?”
Ich seufze. „Nö, Mathe ist einfach zu kompliziert.“
„Ach, Miriam. Ich wünschte, ich könnte dir helfen. Aber in Mathe bin auch ich die totale Niete.“
„Schon okay.“
„Du kannst ja mal Papa fragen. Der hilft dir bestimmt.“ Ich nicke, und weiß, dass ich das sowieso nicht machen werde. Lieber übe ich noch ein bisschen Schlagzeug, das kann ich wenigstens.
„Abendessen gibt es in einer Stunde!“, ruft Mama mir hinterher, als ich in mein Zimmer zurückgehe.

24.1.07 14:08, kommentieren

-5

MARVIN
Der Wecker klingelt schrill. Es ist ziemlich dunkel, und ich muss mich erst orientieren. Als mir einfällt, wo ich bin, seufze ich tief und starre genervt aus dem Fenster.
Der erste Schultag in der neuen, verdammten Schule.
„Marvin, kommst du?“, ruft meine Mutter von unten. Lustlos stehe ich aus dem Bett auf und ziehe mich an. Mein Nietengürtel ist natürlich in einem der Kartons... Wahllos ziehe ich eines der vielen schwarzen T-Shirts aus einer Kiste und genauso eine Jeans, der Nietengürtel muss bis heute Nachmittag warten. Im Bad stelle ich fest, dass meine Haare noch mehr als sonst abstehen, was mich jetzt aber nicht weiter stört...
„Marvin, wo bleibst du denn?“ Seufz.
Schnell suche ich mir noch meine Chucks aus eine der Kisten, nehme mir meine Schultasche und gehe runter zum Frühstücken.
Das morgendliche Gelaber lasse ich an mir vorüberziehen.
Nach einer halben Stunde stehe ich vor einem großen, weiß–orangefarbenem Gebäude. Na wunderbar. Ein bisschen komisch ist mir schon, als ich durch die Eingangstür das Schulgebäude betrete. Ein paar Schüler laufen an mir vorbei und beachten mich nicht weiter. Ich gehe den Gang entlang, bis zum Sekretariat, dass dank der vielen Schilder leicht zu finden ist.
„Herein!“, ruft eine Stimme, nachdem ich an der Tür geklopft habe.
Ein kleiner Raum mit großen Fenstern, rosa Vorhängen und riesengroßen Blumenbildern erwartet mich, am Schreibtisch sitzt eine Frau im mittleren Alter mit einer riesigen, lilafarbenen Brille und wild gelockten, strohigen braunen Haaren. Sehen eigentlich Sekretärinnen in Gymnasien immer so ... abgedreht aus? Erst in meiner alten Schule die kleine Frau, die immer Kopftücher getragen hat, und jetzt hier eine Hexe...
„Ohh wie schön!“, fängt die Brillenschlange an zu flöten. „Du bist bestimmt der Neue!“
Das Wort Neue spricht sie aus wie einen Zauberspruch, und ich überlege mir, ob das wirklich die Sekretärin ist, die da vor mir sitzt; oder nicht eine aus dem Irrenhaus Entflohene. „Lass mich raten, du bist...“ Sie blickt über den Rand ihrer riesengroßen Brille in ein dickes Buch.
„Kevin Boysen?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie mich fragend an.
„Marvin. Ich heiße Marvin!“, korrigiere ich sie genervt.
„Oh, schön, dass du ab jetzt an unserer Schule bist! Wir freuen uns alle!“, sagt sie in einem seltsamen Singsang. Ich freue mich nicht, und würde am liebsten Hals über Kopf diese Höhle von der Brillenschlange verlassen.
Diese fummelt an einem Ordner herum und sucht irgendetwas. „Aaaah!“ Sie drückt mir ein paar Zettel in die Hand. „Das sind sie ja!“
Mit einem dämlichen Grinsen erklärt sie mir, wo mein Klassenzimmer liegt und in welche Klasse ich komme.
„Du hast jetzt Herrn Schmidt. Mathematikunterricht!“
Immerhin Mathe, das verstehe ich wenigstens... „So, und jetzt husch, husch, ab in deine neue Klasse!“ Wie redet die mit mir? Vielleicht sollte ich ihr noch mal den Papierkram in meiner Hand zeigen – nein, ich bin nicht in der fünften, sondern in der neunten Klasse! Nachdem ich das Sekretariat verlassen habe, versuche ich mich zu erinnern, was die Hexe über die Lage meines Klassenzimmers erzählt hat – den Gang entlang, bis zur Treppe, ein Stockwerk höher dann Raum 267.
Aus den Zimmern kommen Schülerstimmen, manchmal auch die von wütenden Lehrern. Sehr einladend wirkt das nicht. Oh, da... 267 – Klasse 9c
Bringen wir es hinter uns. Dreimal klopfe ich, sofort macht mir ein Mann mit abstehenden, blonden Haaren und einer Brille auf. Um die dreißig, schätze ich. „Oh, komm doch rein. Du musst Kevin sein.“
Hallo, haben die hier alle geschädigte Ohren? „Marvin.“, murmle ich genervt, doch das hört mein zukünftiger Deutschlehrer wohl nicht mehr. Gehörgeschädigt, sage ich doch.
Ich trotte ihm hinterher. „Ähm... Ruhe, bitte!“, versucht der Schmidt schüchtern, um Ruhe zu sorgen. Lange ist der bestimmt noch kein Lehrer, denke ich. Meistens ist es so, dass sich die Lehrkräfte kein bisschen durchsetzen können, wenn sie neu sind. Der Himmel ist immer noch grau, auch wenn es schon Mitte März ist, stelle ich mit einem Blick durchs Fenster fest. Ich erkenne ein paar Machogesichter, ein paar durchschnittliche und wie immer gibt es auch in dieser Klasse ein paar Tussen. Dann schaue ich in die Klasse, als Herr Schmidt es endlich geschafft hat, für Ruhe zu sorgen.
„Also, das ist... Kevin... Äh...“ Verschüchtert schaut er mich an.
„Ich heiße nicht Kevin sondern Marvin!“, verbessere ich ihn wieder.
„Oh. Also, schön, dass du hier bist, Marvin. Setz dich doch neben Tanja, da ist ein leerer Platz.“
Ach, ja, Tanja. Das Mädchen mit dem pinken Haaren winkt mir zu. Vor ihr sitzen zwei weitere auffällige Schülerinnen – eine mit grünen Haaren und eine mit... rabenschwarzen, ihre Haarspitzen sind knallrot gefärbt. Gemächlich gehe ich bis ans hintere Ende des Raumes. Die grünhaarige grinst mich an. „Hey!“, begrüßt mich Tanja. „Und?“

24.1.07 14:08, kommentieren

-4

MIRIAM
„Ui, der ist ja echt süß... Zwar nicht mein Typ, aber trotzdem!“, kichert Joe. Ich suche gerade ein Taschentuch in meiner Schultasche, und sehe deshalb nicht viel. „Jetzt schau doch mal!“
Ich komme aus meiner Tauchstation und gugge nach vorne.
Und mein Herz bleibt fast stehen. Oder vielmehr, es klopft wie verrückt. Ein Junge, so perfekt wie ein Junge nur sein kann, steht vorne, die Hände in den Hosentaschen. Seine schwarzen, längeren Haare stehen ihm wuschelig vom Kopf ab, er schaut aus dem Fenster – verträumt? Als er in meine Richtung schaut, fangen meine Hände an zu zittern. Grüne Augen, aber was für welche... Gewaltsam muss ich meinen Blick abwenden, um klar denken zu können.
Marvin heißt er... und läuft an mir vorbei. Ich erstarre. Hinter mir wird ein Stuhl gerückt, Tanja kichert irgendetwas. Und die Eule, so heißt er jedenfalls bei uns, versucht mit dem Unterricht anzufangen, was allerdings im allgemeinen Geschwätz untergeht. Meine Gedanken sind ebenfalls woanders – um genau zu sein, hinter mir. Grüne Augen... So perfekt wie...
Oh nein, das wird nicht leicht. Unauffällig wende ich meinen Blick zur Seite, sodass ich aus den Augenwinkeln den Neuen sehen kann. Er hat seinen Kopf auf die Hände gestützt und Tanja redet auf ihn ein. War ja klar... Seitdem sie nicht mehr mit Alex zusammen ist, gräbt sie alles an, was auch nur ein bisschen männlich ist. Marvin. Als er mich kurz anschaut, läuft mir ein warmer Schauer über den Rücken. Die Welt ist gemein – Er schaut so gut aus, warum muss er dann auch noch so stechend schöne Augen haben, und nicht ich? „Hör sofort auf!“, ermahne ich mich selbst. Wie oberflächlich...
Joe kneift mir in den Ellebogen, ich fluche kurz auf, was mir einen bösen Blick von der Eule einbringt.
„Wie findest du den jetzt?“
„Wen?“
„Na, Marvin! Den Neuen!“
„Ach so...“ Ich mache auf endlos gelangweilt. „Ja, ganz OK.“
„Also, wenn ich noch Single wäre, dann...“, kichert sie mit einem spitzbübischen Grinsen.
Nachdem sich Joe wieder den Kritzeleien auf ihrem Deutschheft zugewendet hat, vergrabe ich meinen Kopf zwischen den Händen. Am liebsten würde ich mich nach hinten umdrehen...
„Ähm... Miriam?“
Ich schrecke hoch. Warum muss mich die Eule immer dann aufrufen, wenn ich gerade nicht aufpasse?
„Öh ja, finde ich auch!“, versuche ich mich rauszureden.
„Könntest du... vielleicht... dem Unterrichtsgeschehen ein bisschen aufmerksamer folgen?“, fragt mich die Eule. Respekt, der wird doch nicht noch einmal seine Schüchternheit ablegen?
„Ja, klar!“, sage ich leichthin und schaue aus dem Fenster. Mehr wird unser Matheschlehrer dazu nicht mehr sagen, das steht fest. Und siehe da, er ruft Lisa auf. Tja, was hab ich gesagt?
Meine Gedanken schweifen wieder ab...

24.1.07 14:07, kommentieren

-3

MARVIN
Es klingelt. Endlich, Pause.
„Also bis dann!“, sagt Tanja freundlich. „Bis nacher!“
„Tschüss.“
Lustlos stehe ich auf. Und, was mach ich jetzt alleine in der Aula oder auf dem
Pausenhof? Ein Junge geht an mir vorbei, ziemlich groß und schlaksig. „Hey. Bock, mit mir runterzugehen?“, fragt er mich mit einem Lächeln. „Okay...“ Was besseres hab ich sowieso nicht vor. „Dann komm.“ Er zieht mich am Ellebogen erst aus dem Klassenzimmer und dann in die Aula. „Ich heiße Christian. Du Marvin, oder?“ Ich nicke. Respekt, er hat mich nicht Kevin genannt! Vor ein paar Jungs bleibt er stehen. „Also, das ist Freddi,“, er zeigt auf einen dicklichen Jungen, „Das Till“ ein Gutaussehender, „und das Nico.“ Ein Typ mit blaugefärbten Haaren – ist das hier die Schule der Punks? Nicht, dass ich was gegen Punk habe, eher im Gegenteil... „Hi, ich bin Marvin.“ Ein bisschen freundlich kann man ja mal sein. Christian wendet sich wieder mir zu. „Und, woher kommst du?“ Höflich erkläre ich ihm meine ganze Geschichte... „Und was machst du so den schönen Tag lang?“ Himmel, wie viele Fragen hat der denn parat? Ich zucke mit den Schultern. „Alle möglichen Instrumente spielen, und dann gibt’s ja noch die liebe Schule...“ Christian zieht die Brauen hoch. „Instrumente?“ Seine Stimme ist jetzt mit Neugier gespickt. „Und zwar?“ Seufz... wie oft musste ich diese Aufzählung schon durchführen? „Klavier, Gitarre, Schlagzeug...“ Ich grinse. „Und Blockflöte.“ Christian geht nicht auf meinen kleinen Witz ein sondern wendet sich Till zu. „Marvin spielt Gitarre!“ Er dreht sich wieder zu mir und erklärt. „Ich, Till und Nico haben eine Band, seit ungefähr drei Monaten. Schlagzeug, Gitarre, Bass und Gesang – aber ein Zweitgitarrist fehlt uns eben noch!“ Meine Laune bessert sich schlagartig – Und DAS ist ein Wunder, jedenfalls bei mir. „Bist du gut?“, fragt mich Christian. „Ähm... Na ja, nicht sonderlich...“ „Ach was, nur die Schlechten sagen von sich dass sie gut sind!“, lacht Christian gut gelaunt. Erst jetzt merke ich, dass sich Till neben mir steht. „Und, auf was für Mukke stehst du so?“ Seine Stimme klingt, wie ich finde, dabei ein bisschen arrogant. Ich zucke mit den Schultern. „Rock, alle möglichen Sorten. Da bin ich flexibel, solange es nicht Rammstein oder Hoobastank ist!“ „Super!“ Christians Augen strahlen. „Dann komm doch morgen gleich mal da vorbei...“ Auf einen kleinen Zettel, den er aus seiner Hosentasche gefischt hat, schreibt er mir eine Adresse auf und drückt sie mir in die Hand. „Als ich dich gesehen habe, wusste ich, wir würden uns verstehen!“ Er zwinkert mir zu. Bitte nicht zu freundlich. Es klingelt, die Pause ist vorbei, und schon sitze ich wieder neben Tanja im Deutschunterricht.

MIRIAM
Ich sitze an meinem Schreibtisch und mache Mathehausaufgaben. Na gut, ich versuche, die Mathehausaufgaben zu machen. Gedankenverloren sehe ich aus dem Fenster, zu den Tannen, die sich träge im Wind wiegen. Dummerweise kriege ich Marvin nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder kehren meine Gedanken zu seinen grünen Augen zurück, zu seiner leisen, beruhigenden Stimme... Mein Handy weckt mich aus meinen Gedanken, ich melde mich. „Ja?“ „Hey, Süße!“ Wer auch sonst. „Hi Joe...“, gähne ich. „Na, was machen wir gerade so?“ „Mathe.“ „Ha ha... Lass mich raten, du verstehst die Scheiße nicht und hast keine Lust und...“ „Erraten. Vor allem habe ich keine Lust.“ „Ich bin kurz mit Basti und Tanja an der Skaterbahn. Kommst du auch?“ Eigentlich habe ich keinen sonderlichen Bock, aber besser als sich mit den Hausaufgaben rumquälen... „Mh, Okay. Bin um drei bei euch.“ Mein Mathebuch schiebe ich in die hinterste Ecke meines Schreibtischs und damit auch in die meines Hirns und ziehe mir eine Sweatjacke über, dann schlüpfe ich noch in die gelben Converse und gehe die paar Meter bis zur Skaterbahn. Joe und Sebastian hocken schon knutschend auf einer Rampe und ich überlege mir, warum ich wieder auf Joe gehört habe und hierher gekommen bin. „Hallo.“ Ich lasse mich auf den Boden fallen. „Miriii!“ Joe beugt sich zu mir vor und umarmt mich, Sebastian begrüßt mich per Händeschlag. „Boah, wo bleibt die denn?“ Joe hat ihren Hals wie eine Schildkröte ausgestreckt, um nach Tanja Ausschau zu halten. „Muss die mit?“, seufzt Basti, der genauso wie nicht sehr begeistert ist von Tanja. Eigentlich ist sie ja ganz okay, aber manchmal kann sie einem auch echt auf die Nerven gehen. „Huhu!“, ruft Tanja da schon mit ihrer schrillen Stimme und hüpft zwischen den Rampen auf uns zu. „Und, gehen wir in die Stadt?“ Basti verdreht die Augen und grinst in meine Richtung, ich zwinkere ihm zu. In dieser Hinsicht verstehen wir uns besser als jeder andere. Joe nimmt Sebastians Hand und ich laufe neben den beiden her. Tanja quatscht mit Joe über Wizo, etwas, was Joe nicht mit ihrer besten Freundin Miriam machen kann, weil die lieber Muse und Madsen hört. Währenddessen versucht mich Sebastian vom neuen Fluch der Karibik zu überzeugen. In der Innenstadt erklärt uns Sebastian, dass er mal kurz in den Supermarkt muss, um ein paar Dosen Champignons und Paprika für seine Mutter zu besorgen. Ich lasse mich mit Tanja und Joe, die immer noch über Wizo labern, auf eine Bank nieder und schaue mich auf unserem Marktplatz um. Die Menschen hetzen von einen Laden in den nächsten, alle vollbepackt mit Tüten und Taschen; die meisten armen Säue sind wahrscheinlich Hausfrauen. Wie schön ist das Leben als Schülerin... Zwischen den abgehetzten Leuten erscheint plötzliche eine schwarze Wuschelmähne in meinem Blickfeld. Mein Herz schlägt wohl doppelt so schnell wie vorher. „Huhu, Marvin!“, schreit Tanja ungeniert über den Marktplatz, und schon steht er vor uns. Na toll, mit Tanja scheint er sich ja wohl schon toll angefreundet zu haben. „Hi!“, murmelt er, während sein Blick allerdings eher am Himmel als an uns klebt. „Auf was wartet ihr?“, fragt er uns, was ihn aber nicht zu interessieren scheint. „Auf meinen Liebsten, der im Supermarkt verschwunden ist.“ Joe zeigt auf den E-Center. Sehr groß scheint sie sich ja nicht für Marvin zu interessieren, stelle ich zu Sebastians Glück und zu meinem – was mich etwas erschreckt – fest. „Wo ist eigentlich diese Adresse hier?“ Er reicht Tanja einen Zettel. Hallo, Marvin, ich bin auch da! „Ach, das weiß ich, meine Oma wohnt in der Nähe!“, stellt Joe nach einem Blick fest. „Wir können´s dir ja zeigen!“ Marvin zuckt mit den Schultern und murmelt irgendetwas, das wie „Ok“ klingt, dabei schaut er einen unbestimmten Punkt hinter uns an. Sebastian kommt aus dem Supermarkt und wir setzen uns in Bewegung.

24.1.07 14:07, kommentieren

-2

MARVIN
„Hast du die Hausaufgaben schon gemacht?“ Kaum sind wir ein paar Meter gelaufen, versucht Tanja schon wieder, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Im Grunde ist sie wirklich nett, und wenigstens nicht so eine Langweilerin oder Tusse wie die meisten Mädchen meiner neuen Klasse, aber nach ein paar Minuten geht mir ihr Gelaber einfach auf den Geist – so wie jetzt. Also zucke ich nur kurz mit den Schultern. „Was willst du eigentlich in der...“ Die Schwarzhaarige mit den rotgefärbten Haarspitzen hält den Zettel, auf dem ich die Adresse notiert habe, in der Hand und schaut mich fragend an. „Bachstraße.“ Ich grinse sie an. „Christian hat mir angeboten, in seiner Band mitzuspielen. Ich schau da mal kurz vorbei.“ Sie zieht die Brauen hoch. „Oh. Lass mich raten. Gitarre?“ „Woher...?“?Jetzt grinst sie. „Sieht man dir an. Ich habe da einen besonderen Instinkt...“ „Ha. Ich spiele aber leider auch noch Schlagzeug!“ „Du auch?“ „Ach, du auch?“ Wir lachen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie mich Tanja böse anfunkelt, warum auch immer. „Dann bist du also so richtig musikalisch?“, fragt sie mich. „Ähm... Behaupten alle, auch wenn ich das nicht finde... Na gut, ich spiel drei Instrumente, aber das will ja nichts heißen!“ „Drei?“ „Gitarre, Schlagzeug, Klavier.“ Anerkennend pfeift sie. „Ein Wunderkind.“ „Wie man´s nimmt.“ „Tut mir ja Leid, dass ich euch stören muss“, sagt da das Mädchen, von der ich den Namen Joe in Erinnerung habe, „Aber wir sind da!“ Sie zeigt auf eine unscheinbare Tür in einem unscheinbaren Haus. „Oh, super. Danke, Leute!“ Ich will schon zur Eingangstüre gehen, als ich mich noch einmal umdrehe. „Ähm... Wie heißt du gleich noch mal?“, frage ich die Schwarzhaarige. Sie lächelt. „Miriam.“ „Sorry. Alzheimer lässt grüßen!“ Ich winke den anderen zu, klingle an der Tür und stelle verwundert fest, dass meine Laune ausnahmsweise mal besser ist als sonst. Ein paar Schritte später stehe ich vor einer zweiten Tür, hinter der ich Stimmen höre. Die Band probt gerade, stelle ich fest. „Hey, ihr.“ Ich setze mich auf eines der beiden Sofas in der Ecke, weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Auch wenn diese Sorge völlig unbegründet ist, denn Christian nimmt seinen Bass und stellt ihn in den Ständer um mich zu begrüßen, Nico lässt ein „Hi!“, von sich hören und Till nickt mir immerhin zu. „Aaaalso.“ Christian hat sich neben mich gesetzt. „Du spielst also Gitarre?“ Ich nicke, auch wenn ich weiß, dass das eine rhetorische Frage war. „Till, Nico und ich spielen jetzt schon länger zusammen, aber einen festen Leadgitarristen haben wir bis jetzt nicht – du kommst wie gerufen!“ Ich lehne mich zurück und warte darauf, dass er fortfährt. Er schaut erst irritiert, weil ich nicht vor Freude an die Decke springe, doch dann erzählt er weiter. Das mit an-die-Decke-springen ist ja wohl zu verstehen. Viel, viel lieber wäre ich bei meiner alten Band geblieben... Bei Freaky. Aber was soll´s... „Jedenfalls haben wir schon zwei Konzerte hinter uns – da haben dich übrigens zwei Zehntklässer vertreten – und für die nächste Schulfeier sind wir auch angestellt. Also, wenn du mithalten kannst, bist du dabei.“ Ich verschränke die Arme hinter dem Kopf. Jetzt wäre die Stelle gekommen, wo die Jungs mir eines ihrer Songs vorspielen sollten, aber weil ich sowieso nichts besseres zu tun habe in dieser neuen Stadt, stimme ich ihnen zu. „Genehmigt.“, sage ich schlicht. „Du hast eine Gitarre?“, fragt mich Nico. Ungläubig starre ich ihn an. „Gibt es im Wald Bäume?“ Christian lacht. „So, ich würde sagen, wir fangen jetzt mal zu proben an. Marvin, du kannst ja mal zuhören, dann weißt du wenigstens, was auf dich zukommt.“ Die Jungs gehen wieder an ihre Instrumente und Nico gibt den Takt an. Und die Musik trifft mich wie ein Schlag, ich bin sofort begeistert und sprachlos, denn so was hätte ich beim besten Willen nicht erwartet. Nicht so etwas verdammt Gutes. Eine Mischung aus Punkrock, Crossover, Heavy Metall und Pop. Christians Stimme ist zwar nicht überwältigend, aber trotzdem okay. Auch die andern beiden halten sich gut. Und zum zweiten Mal huscht mir ein Lächeln über das Gesicht. Zwei Stunden später gehe ich grinsend heim.

MIRIAM
Ich liege mit Blacky auf dem Bett und bin immer noch leicht geschockt: ich habe mit Marvin geredet und dabei nicht gestottert oder sonstigen Schwachsinn von mir gegeben. Immer wieder muss ich an seine grünen Augen denken, die sonst doch immer so verträumt, traurig und sehnsüchtig an mir vorbeigeschaut haben. Aber diesmal... Ich seufze laut und knülle das Apfelgrüne Kissen in meinem Bett zusammen, lege mich dann auf den Bauch und presse mein Gesicht in das Fell von Blacky. Was ist nur in mich gefahren?, frage ich mich. „Blacky, was ist mit mir los?“, frage ich meinen Kater. Der mich darauf mit fragenden, großen gelben Augen anstarrt. Warum, verdammt noch mal, bekomme ich Marvin nicht mehr aus dem Kopf? Blacky maunzt wütend auf und trampelt auf meinem Bauch herum, gerade so, als wollte er sagen, wie erbärmlich es ist, dauernd und grundlos an einen Typen zu denken. „Ja, ja!“, motze ich zurück und gebe Blacky einen kleinen Schubs, dann setze ich mich an mein Schlagzeug und konzentriere mich. Üben ist angesagt. Auch nicht schlecht. Und die Mathehausaufgaben können auch mal wieder warten. One, two, three, four...

24.1.07 14:07, kommentieren

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Joe malt Sternchen auf ihr Matheheft, Marvin redet mit Tanja, Tanja redet mit Marvin, die Eule redet was von binomischen Formeln und ich schaue aus dem Fenster, weil die Welt mal wieder langweilig und trist ist... Draußen ist es ziemlich grau, obwohl es ja eigentlich mal Frühling werden sollte. Immerhin hat der Ahorn vor unserem Klassenzimmer schon ein paar Knospen. Vielleicht... „Ähm... Miriam, würdest du mal bitte an die Tafel kommen und... Ähm.. Also, deine Hausaufgabe anschreiben?“ Äh... Was? Mit weit aufgerissenen Augen starre ich Joe an, die mir erst einen mitleidigen Blick zuwirft und mir dann auf den Rücken klopft, um mir zu sagen, dass ich jetzt endlich mal nach vorne müsste. Natürlich hab ich die Hausaufgabe nicht gemacht, einfach aus dem Grund, weil ich nichts, rein gar nichts, verstanden habe. „Tut mir Leid, Herr Schmidt, aber ich habe nicht verstanden, worum es in der Ha...“ „Egal, komm bitte trotzdem an die Tafel!“ Oh, die Eule klingt ja mal richtig selbstbewusst! Wahrscheinlich aus dem Grund, mich endlich mal richtig ärgern zu können, nachdem ich nie seinem hochwichtigem Matheunterricht folge. „Also, mach schon!“ Er winkt mir mit einem weißen Kreidestück zu. Langsam stehe ich auf und schleiche nach vorne, nehme die Kreide und warte auf eine Anweisung, die ich allerdings nicht bekomme. „Ja, jetzt fang doch an!“, fordert mich die Eule leicht genervt auf. „Mit was denn?“ Die Eule seufzt und diktiert mir eine Gleichung, ich denke die ganze Zeit an meine Note in Mathe: Fünf. Nachdem ich ein paar Minuten an der Tafel stehe, ohne auch nur einen sinnvollen Satz aus meinem Mund zu befördern, wird sogar die schüchterne Eule wütend. „Na das funktioniert ja super! Marvin, komm doch bitte an die Tafel!“ Oh. Marvin. Der hat jetzt alles mitbekommen... Er steht gerade auf und kommt auf mich zu. Mit einem unglaublich schönen Lächeln bleibt er vor mir stehen und streckt seine Hand aus. „Was?“, frage ich ihn, nachdem ich mich von dem Blick losreisen konnte. „Die Kreide!“ Seine tiefgrünen Augen blitzen belustigt. „Ach so...“, murmle ich verlegen – wie peinlich - und gebe sie ihn, dann stolpere ich zu meinem Platz zurück. Joe schaut mich aufmunternd an. „Na ja, soooo schlecht war das auch nicht!“ Ich ziehe meine Brauen zusammen. „Klar, und ich bin der Papst.“ Joe seufzt und bearbeitet weiter ihr Heft. Tja, wir Matheprofis... Mit eleganter Schrift schreibt Marvin die Gleichungen an die Tafel. Natürlich macht er keinen einzigen Fehler, stelle ich leicht angesäuert fest. Warum ist Talent so ungerecht verteilt? q.e.d, schreibt er an, quod erat demonstrantum. Als er wieder hinter mir sitzt, drehe ich mich um. „Wie kannst du das?“, frage ich mit einem verzweifelten Unterton. „Ist doch gar nicht so schlimm!“ Da, sein perfektes Lächeln... Fast hätte ich unter diesen Umständen vergessen, wo ich bin, doch dann besinne ich mich wieder auf meine katastrophale Mathenote und versuche wenigstens, mich zu konzentrieren.

Wenigstens in der nächsten Stunde kann ich mich von der Grausamkeit namens Mathematik erholen, denn unser Thema in Sport lautet Volleyball. Wir spielen in Sechsergruppen, ich stehe neben Joe und wir singen beide lauthals Blitzkrieg Bop, während wir die Bälle hin und her pritschen. Eigentlich bin ich nicht die Sportlichste, aber immerhin habe ich Kraft und Kondition. Was natürlich gut für Ballsportarten ist. Joe lässt zwar jeden zweiten Ball fallen, was sie aber nicht im Geringsten stört. Natürlich. Die Sportlehrerinnen werfen uns böse Blicke zu, was aber Joe provoziert, noch lauter zu singen. Tanja macht natürlich mit. Ich konzentriere mich auf den Sport, dann muss ich nicht an andere Sachen denken... „So, Gruppen wechseln!“ Rohdes Trillerpfeife gibt ein schrilles Signal von sich, ich bilde mit ein paar Mädchen aus der Parallelklasse eine neue Gruppe. Die Stunde vergeht langsam, ich habe endlich mal wieder das Gefühl, etwas Schulisches zu können. Neben dem Fach Musik. „Und jetzt noch zehn Minuten joggen!“ Rohde pfeift wieder, unsere andere Lehrerin, die Schratz, geht zur Stereoanlage und schaltet furchtbaren Techno an. Wer hat diese Musikart eigentlich für den Sportunterricht bestimmt? Heute ist wohl mein Glückstag, erst Volleyball und dann Joggen, wenn man mir zuschaut, könnte man meinen, ich sei eine Sportlerin... Na ja, allerdings hat die grausige Mathestunde nicht zu einem Glückstag beigetragen... Und das mit... Marvin und... Tanja...
Was denke ich da?, frage ich mich und schließe kurz die Augen. Immer auf das Laufen konzentrieren, links, rechts, links, rechts... Endlich wird die Musik ausgeschaltet, die Stunde ist vorbei, ich nehme mir meine Trinkflasche und gehe zu den Umkleiden. Joe ist mit Tanja verschwunden, also ziehe ich mich alleine um, endlich kann ich wieder in meine zerfetze Lieblingsjeans und meine Chucks schlüpfen... Mit der Sporttasche in der Hand verlasse ich die Umkleide und bin erst mal baff. Wer steht da, an der Wand gelehnt? Wie auf einem Poster aus einer Jugendzeitschrift, die andere in meinem Alter lesen?
Marvin. Ich merke, dass ich ihn anstarre, also senke ich meinen Blick und will an ihm vorbei, als er mich anspricht. Herzstillstand. „Na?“?“Äh... Hi.“ Wahrscheinlich werde ich gerade eben rot. „Auf was wartest du so?“, frage ich beiläufig und denke an Tanja. Er zuckt mit den Schultern und geht neben mir her. Äh... Na ja, auf mich hat er ja wohl kaum gewartet... „Du bist ja richtig sportlich!“, stellt er fest. „Wieso...?“, frage ich, erst nach einem kurzen Moment fällt der Groschen. „Du hast zugeschaut?“ „Warum nicht?“ Das spitzbübische Grinsen steht ihm gut. „Äh...“ Zum Teufel, kann ich nicht mehr richtig sprechen? Gott sei Dank spielen wir gerade in Sport Volleyball und hampeln nicht mit Handständen und so weiter rum... Das hätte leicht peinlich werden können! „So gut würde ich auch gerne Volleyball spielen können...“ Sein Blick klebt mal wieder auf irgendeinem entfernten Punkt, seine Stimme klingt verträumt. „Hähä, ich geb dir Nachhilfe.“ Na super, Miriam, das war echt intelligent! „Okay, wann?“ Ich grinse, doch da merke ich, dass er das nicht als Witz gemeint hat. „Öh... Willst du wirklich...?“ „Miriam.“ Er bleibt stehen. „So albern es klingt, in Sport stehe ich auf einer Vier, und Volleyball ist meine absolute Schwäche.“ Lässig zuckt er mit den Schultern. „Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als mir zu helfen!“ Er grinst. Oh, hilfe, das raubt mir die Sinne! Wie kann jemand, der so perfekt ist, in Sport auf einer Vier stehen? Na gut, Marvin ist dünn, beinahe schon mager, aber unsportlich...? „Ähm... meinetwegen...“ HILFE!!! „Wann, wo, wie?“ „Du kommst morgen nach der Schule mit zu mir! Und dann helfe ich dir bei Mathe, ist ja echt lustig, was dir da so alles an kreativen Formeln an der Tafel einfallen!“ Er grinst mich frech an und winkt mir zu, dann ist er in der Jungentoilette verschwunden. Oh mein Gott. Ich treffe mich mit Marvin... Ich treffe mich mit Marvin... Ich treffe.... Miriam! , ermahne ich mich selbst. Erstens sollst du keine Gedanken an einen Jungen verschwenden, und zweitens trefft ihr euch zum Lernen!!! Seufzend stelle ich fest, dass Sport die letzte Stunde war und ich jetzt endlich von der Irrenanstalt entlassen bin...

24.1.07 14:06, kommentieren