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MARVIN
„Boah, so eine Scheiße! Wenn ich jetzt in Erdkunde nicht besser werde, werde ich höchstwahrscheinlich nicht versetzt!“ Ja, hoffentlich... Schon die ganze Zeit erzählt Tanja, wie schlecht sie ja ist, und wie schlimm es ihr geht... Seufzend stelle ich meine Ohren auf Durchzug – dem Müllerschmidt höre ich sowieso nicht zu, und schaue aus dem Fenster. Gestern war hatte ich noch Bandprobe mit den anderen. Wirklich nicht schlecht. Besser gesagt gefällt es mir so gut, dass ich am liebsten den ganzen Tag nur noch mit den Dreien Musik machen würde. Mein Blick fällt nach vorne, Miriam schüttelt in meinem Blickfeld die Haare. Ach ja. Ich habe mich ja mit ihr zum Lernen verabredet. Bin wohl geisteskrank, so freiwillig Volleyball zu üben und danach noch mit ihr Mathe zu pauken... Aber egal, eine Fünf in Sport muss ja auch nicht sein, und außerdem ist Miriam echt nett. „Hörst du mir zu?“, keift Tanja. Ich reibe mir die Augen und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Noch zehn Minuten, dann ist endlich Schule vorbei. Noch zehn Minuten Langeweile und Qual... Genervt lege ich meinen Kopf auf den Tisch und versuche zu dösen. Und der Müller labert und labert und labert... „Marvin, was würdest du dazu sagen?“ Plötzlich steht unser Französischlehrer vor mir und schaut mich über den Rand seiner Brille an. Wie ein Blitz schnelle ich hoch, natürlich keine Ahnung, was die Antwort auf seine Frage ist – ich weiß ja nicht mal, was der Typ gesagt hat. „Öhm...“ Ich bin schon dabei, mir eine ausweichende Antwort aus den Fingern zu saugen, als mir Miriam „Elle déteste sa frére!“ zuhaucht. Jedem ist klar, dass der Müller schwerhörig ist, also ist Einsagen im Französischunterricht nicht selten. Brav setze ich meinen strahlenden Blick auf und flöte den Satz, den mir Miriam zugeflüstert hat, blind vertrauend. Der Müller nickt grummelnd und setzt seinen Gang durch die Klasse fort. Miriam grinst mich schelmisch an und ich flüstere „Danke“. Ich träume noch ein bisschen vor mich hin, in der Hoffnung, dass der Müller mich nicht mehr drannimmt, und tatsächlich, ich überstehe die Stunde und räume meine Sachen in die Schultasche, nachdem es endlich gegongt hat. „Und, klappt das heute?“ Miriam hat sich an meinen Tisch gelehnt. Ich schließe meinen schwarzen Eastpack und stehe auf. „Klar, denkst du, ich lasse dich so einfach gehen?“ „Wieso, was macht ihr so?“ Tanja hat sich neben uns gestellt. „Nichts wichtiges, also tschüss, Tanja!“ Miriam zieht mich am Arm aus dem Klassenzimmer. „So, ab jetzt musst du mich führen. Hab doch keine Ahnung, wo du wohnst.“ Miriam grinst. Ich nicke und stecke meine Hände in die Hosentasche. „Sag mal... Du könntest doch eigentlich immer mit Tanja von der Schule nach Hause gehen!“ Miriam nickt in die Richtung, in die wir laufen, und mit ihrem Kommentar hat sie Recht. „Klar!“ Ich kichere kurz. „Deswegen nehme ich ja auch immer den Umweg!“ Miriam lacht kurz auf. „Oh, du Armer! Ich dachte, ihr seid ganz gut befreundet ?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ja, aber... Eigentlich ist sie echt nett, aber immer kann man sie dann doch nicht ertragen.“ „Haha. Da kenne ich noch jemanden, der genauso denkt.“ Grinsend zeigt sich auf sich selbst, ich lächle. Miriam geht ziemlich schnell, ich muss zügiger als sonst laufen, um mitzuhalten. Überhaupt ist Miriam nicht sehr mädchenhaft, stelle ich fest. Beinahe sind wir gleich groß. Was aber wohl eher daran liegt, dass ich ziemlich klein und zierlich bin... Sie schüttelt ihre Haare im Wind. „Kommt es auch immer so peinlich rüber, wenn ich in Mathe an der Tafel stehe, oder bilde ich mir das nur ein?“ Ich muss grinsen. „Ähm... Na ja, die Beste bist du wohl wirklich nicht, aber du bist wahrscheinlich auch die einzige, die darüber nachdenkt... Vielleicht willst du gar nicht wissen, wie wenig andere Leute an dich denken...“ „Alle? Denkt denn wirklich nie jemand an mich?“ Sie tut so, als wäre sie beleidigt. „Schön zu wissen.“ „Hey, hey. Ich spreche von den Menschen.“ Miriam schaut mir in die Augen. Tiefblau sind ihre. „Tussen. Machos. Selbstverliebte Arschlöcher.“ Ich nicke. „Genau.“ Sie seufzt und zupft an ihrer Netzstrumpfhose, die sie unter dem schwarzen Rock an hat. Bei Miriam sieht das aber nicht nuttig, sondern eher rockig, fast schon punkig aus. Ob sie sich wohl als Punk bezeichnet? Wir stehen vor unserem Haus, ich schiebe sie durch die Gartentüre in den Hauseingang. „Kannst deine Schuhe dahin stellen, wenn du die ausziehen willst!“ Ich zeige auf den Fußabstreifer, auf die ich meine schwarzen Converse gestellt habe, sie schlüpft aus ihren Vans uns stellt sie daneben. „Willst du was trinken?“ Ich gehe in die Küche, das einzige Zimmer in diesem Haus, das schon vollständig eingeräumt ist. „Mh...“ Sie betrachtet ein Bild an der Wand. „Das ist schön!“ Ich drehe mich zu ihr um. „Früher habe ich fotografiert... Das ist von mir.“ „Und warum tust du es nicht mehr? Sieht aus, als hättest du Talent...“ Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung. Übrigens, du bist die Erste, die Fotografieren als Kunst bezeichnet. Alle anderen, die ich kenne, haben keine Ahnung davon.“ „Ich eigentlich auch nicht...“ Sie nimmt mir das Colaglas ab, das ich ihr hinhalte. „Aber unter Kunst kann man viel verstehen... Unter anderem, so höllisch schlecht in Mathe zu sein. Also, mit was fangen wir an? Volleyball oder...“ Sie verdreht gespielt gequält die Augen, „Mathe?“ Ich grinse. „Eine halbe Stunde Mathe, eine halbe Stunde Volleyball und dann noch mal Mathe?“ Miriam lacht. „Oh, du bist ja organisiert!“ Ich nicke süffisant und gehe die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Vor der Tür bleibe ich stehen. „Nicht erschrecken. Dafür, dass wir gerade erst eingezogen sind, ist es erstaunlich ordentlich, also nicht meckern!“ Sie kichert und macht die Tür auf, bleibt stehen. Inspiziert die weißen Wände mit den schwarzen Fotografien und Band Postern, die daran hängen. Ich werfe mich auf mein Bett. „Die Wände werden noch tapeziert.“ „Warum hast du dann nicht mit dem Behängen gewartet?“ Sie zeigt auf ein Museposter. „Keine Ahnung. Ohne fühl ich mich nicht wohl.“ Miriam wirft mir ein Lächeln zu, ein eigenartiges. „Dann haben wir ja noch was gemeinsam..“ „Noch was?“ „Ich finde, wir sind uns in manchen Ansichten ziemlich ähnlich.“ Sie lehnt an meinem Schreibtisch. „Ach ja?“ „Muse. Ich lebe für Muse.“ Sie lacht. „Hm... Musik sagt ziemlich viel über einen Menschen aus, oder nicht?“, frage ich. „Das stimmt wohl.“ Ihre Augen nehmen einen verträumten Ausdruck an. „Muse...“ Miriams Augen sind plötzlich wieder auf mich gerichtet. “Muse ist Sehnsucht pur.” Die Unterhaltung wird mir langsam unangenehm. Zu intim, dafür, dass wir uns gerade mal ein paar Tage kennen. Und über meine Gefühle spreche ich eigentlich nie... „Du sehnst dich also nach etwas?“ „Ähm, du hörst doch auch Muse...“, weiche ich ihr aus. Lügen mag ich nicht. „Also, ich hol mal das Mathebuch.“ Während ich einen Block und die Bücher zusammensuche, spüre ich ihren Blick auf meinem Rücken. „Aaaalso.“ Ich konzentriere mich auf Mathe, als ich neben ihr sitze. „Was ist zwei plus zwei?“

24.1.07 14:06, kommentieren

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MARVIN
„Marvin, gib mir doch bitte mal die Butter.“ Ich reiche meinem Vater die Butterschale und spieße mit der Gabel eine Olive auf. Ein Weltwunder, dass mal wieder die ganze Familie zusammensitzt. Dass keiner von uns streitet. Weder ich mit meinem Eltern, mein Bruder mit mir oder meine Eltern untereinander. Und ich genieße es ehrlichgesagt. „Wir könnten doch am Wochenende was zusammen machen.“, schlägt meine Mutter vor. Oh, aber zu sehr auf glückliche Familie müssen wir jetzt auch nicht machen... „Super Idee, Tina.“ Mein Vater schaut uns auffordernd an. Ich zucke lustlos mit den Schultern, auch weil mir gerade eingefallen ist, dass ich am Wochenende zweimal Bandprobe mit den beiden Jungs habe. „Ich hab schon was mit Johanna vor!“, sagt Tom. Na super, verbreitet mit ein paar Worten mal wieder schlechte Laune... Ich lehne mich zurück. Meine Mutter erzählt irgendetwas von ihrem Tag und die beiden anderen hören lachend zu. Meine Gedanken sind woanders. Bei meiner Gitarre. Der Band. Gott sei Dank war ich heute beim Lernen mit Miriam nicht so abgelenkt. „Na, wie läuft es denn eigentlich in der Schule, Marvin?“, fragt mich mein Vater. „Ganz okay.“ Ich will die Stimmung nicht versauen. „Ein Typ aus meiner Klasse hat mich in seine Band aufgenommen, ist ganz cool.“ „Ist ja schön, dass du dich so schnell einlebst.“ Meine Mutter strahlt. Manchmal ist sie wirklich zum Knuddeln. Ehrlichgesagt hab ich mir das „Einleben“ wirklich schwerer vorgestellt. Aber zum Glück gibt es auch noch nette Leute wie Christian, Tanja oder Miriam. Ich schaue aus dem Fenster, während Tom von seiner Klasse erzählt, vereinzelt lassen meine Mutter und mein Vater Lachlaute von sich hören. „Na ja, vielleicht war Mama ja mal wieder bei ihrem Liebhaber.“ Diese gekicherten Worte von Tom höre ich noch, dann sehe ich nur noch, wie mein Vater das Gesicht verzieht, aufsteht und weggeht. Ähm, hallo, was ist jetzt los? Auch meine Mutter schaut geschockt und rennt ihm hinterher. „Hä?“ Tom schaut mich fragend an. „Hab ich was falsches gesagt?“ Traurig zucke ich mit den Schultern. Und ich habe ernsthaft geglaubt, wir würden doch noch mal eine dieser Happy Families werden... Ich bringe meinen Teller in die Spülmaschine und gehe hastig in mein Zimmer. Tom bleibt verwirrt am Tisch sitzen. Auf meinem Bett setze ich meine Dreihundert-Euro-Kopfhörer auf und schalte Muse an. Erst werde ich wütend über meine Familie, doch das flaut mit der Musik ab und es bleibt nur noch Trauer...

24.1.07 14:05, kommentieren

2

MIRIAM
„Hallo, hier ist Miriam. Ist Joana da?“ „Ja, Moment.“ „Miriam?“, sagt einen Moment später meine beste Freundin. „Hey, Joe.“ „Hach, schön dass du dich mal wieder meldest. Ist was passiert, oder warum telefonierst du freiwillig?“ Sie hat Recht, meistens rufe ich nur mal kurz wegen den Hausaufgaben an, aber selten, um einfach nur ein bisschen zu plaudern. „Nö, wieso? Wollt nur bisschen... Reden.“ „Äh... Du hörst dich so depressiv an. Moment, ich geh mal kurz in mein Zimmer. Dann kann ich ungestört quatschen.“ „Mh.“ „So, fertig. Also?“ „Es ist nix großartiges...“ „Also, ich glaub, ich weiß schon, was hier los ist.“ „Ja?“ „Mal ne andre Frage, Süße. Wie findest du den Neuen? Weißt schon, Marvin.“ Oh Scheiße. Warum kennt mich Joe nur so gut? „Mh...“ „Mir musst du nichts verheimlichen. Kennst mich doch.“ „Er ist so...“, hauche ich und lasse mich auf mein Bett fallen. „Pass auf. Du hast ihn gesehen, warst gleich vollkommen begeistert, hast ein paar mal mit ihm geredet, heut wart ihr zusammen Lernen und... Tja.“ Ich schließe die Augen. „Ich hasse dich.“ „Wie oft hast du das schon zu mir gesagt?“, fragt Joe belustigt, wird aber gleich wieder ernst, was für Miss Fun bestimmt eine Herausforderung ist. „Also... So in etwa habe ich doch Recht, oder?“ „Mh. Ja, so in etwa.“ „Also, jetzt erzähle bitte noch mal genau.“ „Ja, wir waren eben heute bei ihm und haben Mathe gelernt und ich habe versucht, ihm ein bisschen beim Volleyball spielen geholfen.“ „Klingt doch schon ganz gut, nicht wahr? Was glaubst du warum er dir – „ „Wenn du noch mal dazwischenredest, sag ich nix mehr. Ja okay. Wenn ich ihn ab und zu berührt habe – rein aus Versehen natürlich – ist er total zusammengezuckt. Und als ich ihn nach den anderen Mädchen gefragt habe, hat er gesagt, dass er alle, die er kennt... dass die ihm... also... nicht genug gefallen.“ „So hat er es garantiert nicht gesagt.“ „Nee, aber so ähnlich.“ „Oh Scheiße. Dabei habt ihr euch doch so gut verstanden...“ „Ach Joe. Es ist so zum Kotzen! Warum haben Menschen wir du immer so viel Glück? Warum hast du Sebi und...“ Verzweifelt seufze ich. „Pass auf, Süße. Jetzt heißt Angriff die Devise. Du bist hübsch, nett und kannst auch extrem verführerisch sein. Also, jetzt nicht aufgeben. Ich glaub an dich.“ Am liebsten würde ich jetzt auf depressiv machen, aber gegen meinen Willen muss ich über Joes Worte kichern. „Ach, Joe. Du bist die Beste.“ Ich glaube zwar nicht, dass ihr mir Plan hilft, aber immerhin hat sie mich mal wieder aufgeheitert. Und, was braucht man Jungs, wenn man beste Freundinnen hat? „Ich weiß. Hab dich lieb.“ „Ich dich auch. Ich mach jetzt Schluss.“ „Tschüss, Süße!“ „Ciao, Joe.“ Ich lege auf, lege das Telefon neben mich und krieche unter meine Decke. Gemeines Leben. Gemeines, gemeines Leben. Aber wie war das? Wer braucht schon Jungs. Entschlossen lege ich meine LieblingsCD von Madsen ein. Mein Therapeut und ich. Mit dem Song steigt meine Laune, dann setze ich mich ans Schlagzeug und übe noch ein bisschen. Und neben der besten Freundin gibt es ja immer noch die Musik.

24.1.07 14:05, kommentieren

3

MARVIN
„Ich hab ne extrem geile Nachricht für euch!“ Christian steht vor mir, Till und Nico und grinst von einem Ohr zum anderen. „Ja, Chris, das wissen wir langsam. Jetzt sag, um was geht’s?“ Till trommelt ungeduldig mit den Fingern auf dem Boden rum, Nico spielt mit seinen Drumsticks. „Jaja, schon okay. Also... Wir haben neben dem Auftritt in unserer Schule noch einen in der Stadthalle, ein Bandcontest. Na, was sagt ihr dazu?“ „Geil!“, freut sich Nico. Till grinst sogar mal, der arrogante Schnösel. „Yeah, wie krass!“ Ich freue mich. Ein Bandcontest. Ist zwar kein Konzert mit 4000 Leuten im Publikum, aber immerhin. 500 könnten es schon werden... „Ihr wisst aber auch, dass das euren Einsatz verlangt. Der Contest ist in einem Monat, also noch öfter Probe.“ „Mann, ich hab auch noch andere Sachen zu tun!“, mault Till. War ja klar. „Ich bin dabei. Meinetwegen würde ich jeden Tag proben!“, grinse ich. Juhu! „Ich find´s auch nicht schlimm.“, meint Nico. Till zuckt mit den Schultern. „Dann fangen wir jetzt aber ja wohl auch endlich an, okay?“, fragt er genervt. Mann, der Typ geht mir auf den Senkel. „Okay, also, alle Mann an die Instrumente. Wir fangen an mit Lawless.“ Christian scheucht uns mit einer Handbewegung auf, Nico gibt den Song an. Der echt gut, ist, wie ich finde. Ein bisschen Richtung Punk, der Text und die Melodie gefallen mir. Durch die Musik vergesse ich den Stress um mich rum, den Druck der Schule, den Streit in der Familie, die Probleme... Viel zu früh meldet Till, dass er nach Hause muss, weil er noch eine Verabredung hat. Mit einem Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass wir immerhin zwei Stunden geprobt haben. Mir kam es vor wie eine halbe... Auch Nico verschwindet, Christian setzt sich aufs Sofa. „Und jetzt? Musst du auch heim?“ Ich denke an den Streit gestern Abend. Auch heute Morgen war die Stimmung nicht sehr gut bei uns. „Na ja, sehr eilig habe ich es eigentlich nicht. Bin offiziell noch zwei Stunden hier, also...“ „Kommst du mit? Ich wollt grad noch mal ins Stadtcafe.“ Eigentlich eine gute Idee. „Okay, bin dabei.“ Christian stellt seine Gitarre in die Ecke und geht zur Tür, wir laufen in die Innenstadt. „Und sonst?“, fragt er mich. „Kommst mir noch nachdenklicher vor als sonst.“ „Tu ich das?“ „Tust du. Und, hat das nen Grund?“ „Was denn für einen Grund?“ Ich habe wirklich keine Ahnung, von was Chris spricht. „Ach, ich mein nur... Miriam war gestern bei dir?“ „Hm... Wie kommst du jetzt dadrauf?“ „Ach... Nur so.“ Der Himmel ist herrlich blau, wie gestern, im Garten... Mittlerweile kann man schon ohne Pullover rausgehen. Endlich. „Hallo, wo willst du hin?“ Christian zeigt auf den Eingang vom Stadtcafe. Ups, beinahe wäre ich dran vorbeigelaufen... Wir setzen uns ins hinterste Eck vom Cafe und bestellen uns beide einen Kaffee.

24.1.07 14:04, kommentieren

4

MIRIAM
„Miriam? Komm doch mal bitte runter, wir müssen mit dir reden.“ Och nö, was kommt jetzt? Ich stehe auf und gehe ins Wohnzimmer. Meine Eltern sitzen da, Mama auf dem dunkelblauen Sofa, Papa im Sessel. Beide schauen ziemlich ernst. Nein, verdammt ernst. Was hab ich verbrochen? „Setz dich.“ Mamas Stimme zittert. Hilfe, was ist hier los? Ich setze mich auf den Boden. „Es ist...“ Die Stimme von Papa bricht ab, er räuspert sich. „Also... zwischen mir und deiner Mutter klappt es in letzter Zeit nicht mehr so gut.“ Er senkt den Blick. Es tut weh, ihn so zu sehen. „Ich will nicht um den heißen Brei rumreden. Wir wollen uns scheiden lassen.“ Mein Herz bleibt wohl wirklich einen Moment lang stehen. Oh nein. Oh nein, das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Sagt, dass das ein Scherz ist. „Warum?“ Mehr als ein Flüstern bringe ich nicht raus. „Es klappt einfach nicht mehr.“ Mama schaut aus dem Fenster. Warum habe ich nichts geahnt? Warum kommt diese Meldung für mich so unerwartet? Warum...? „Das ist...“ Ich schüttle den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein!“ „Ist es aber. Es tut uns Leid. Ich werde vorrübergehend in ein Hotel ziehen und mir dann eine neue Wohnung suchen. Du kannst dir aussuchen, wo du wohnen willst.“ Erneut schüttle ich den Kopf. „Wie bitte?“, schreie ich dann. „Oh toll, ich darf mir aussuchen, wo ich wohnen darf? Aber ich darf mir nicht aussuchen, ob ich in einer glücklichen Familie aufwachse, oder?“ Ich stehe auf und verlasse das Haus. Renne die ganze Strecke bis zu Joe. Klingle. Die Tränen kommen erst, als ich mit ihr auf dem Bett sitze und sie mich fest in ihre Arme genommen hat.

Die Schule geht an mir vorüber wie nichts. Die Vorträge der Lehrer gehen bei ins eine Ohr rein und kommen zum anderen wieder raus. Meine Gedanken sind woanders. Warum ich? Warum meine Familie? Meine Ex-Familie? Joe streicht mir ab und zu über die Hand. In Mathe denke ich nur noch an die Worte von meinem Vater. „Du kannst dir aussuchen, wo du wohnen willst.“ Dann kommt die Wut. Auf keinen Fall werde ich mich unterkriegen lassen. Nicht von Menschen, die so mit mir umgehen, mir so meine Noch-Kindheit versauen, mich hintergehen. Mit einem Ruck richte ich meinen Blick auf die Tafel. Ein paar Stunden später umarmt mich Joe zum Abschied. Ich hocke mich vor der Schule auf den Fahrradständer und überlege, was ich machen soll. In die Stadt? Nee. Nach Hause? Hahaha. Wie lustig. Um zuzusehen, wie sich Mama und Papa gegenseitig ausweichen und betont höflich miteinander umgehen. Joe ist den ganzen Tag nicht daheim. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen. Ein paar Minuten vergehen. Vielleicht auch mehrere. Dann spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. „Miriam.“ Marvins Gesicht taucht neben mir auf. Seine grünen Augen schauen mich besorgt an. Er setzt sich neben mich. Wir schweigen eine Weile, dann fragt er mich leise: „Darf ich fragen, was passiert ist?“ Ich zucke mit den Schultern, antworte ihm nicht. „Tschuldigung. War ne dumme Idee, das zu fragen. Tut mir Leid.“ „Meine Eltern lassen sich scheiden.“ Die Worte kommen so plötzlich und unerwartet aus meinem Mund, dass ich selbst überrascht bin. „Oh Scheiße.“ Er lässt sich zurück auf den Fahrradständer sinken. „Kann man wohl laut sagen.“ Ich vergrabe mein Gesicht zwischen meinen Armen. Marvin streicht mir kurz über den Rücken. Ich muss daran denken, wie er zurückgezuckt ist, als ich ihn berührt habe... Wahrscheinlich fällt es ihm nicht leicht, mich auf diese Weise aufzumuntern. Und ja, das tut es. „Reden, ablenken oder weggehen?“, fragt er mich, ich verstehe gleich, was er meint. „Weiß nicht.“ Ein leichtes Lächeln huscht über mein Gesicht. „Aber weggehen ist nicht so doll...“ Einfach, weil seine Gesellschaft gut tut. Mich beruhigt. Jeden anderen hätte ich weggeschickt, sogar Joe. Aber Marvin strahlt Geborgenheit aus. Ob nur ich das merke, weiß ich nicht. Marvin ist wieder seinem berühmten Schweigen verfallen und hält sein Gesicht in die Sonne. „Ich weiß ja nicht so richtig, wie das für dich ist...“, fängt er an. „Aber möglicherweise kann ich mir das sogar ein bisschen vorstellen. Also, wie es dir geht. Mein Familie lebt zwar theoretisch zusammen, aber irgendwie trotzdem aneinander vorbei. Nie ist jemand für den anderen da.“ Er starrt seine Vans an. „Auch, wenn man das natürlich nicht mit deiner Situation vergleichen kann.“ Ich nicke langsam. „Doch, vielleicht kann man das. Vielleicht ist es bei euch sogar noch schlimmer.“ „Und jetzt?“ Er schaut mich wachsam an. Mit seinen höllisch grünen Augen. Nein, nicht höllisch, sondern wunderschön. „Weiß nicht. Mein Vater wird sich eine neue Wohnung suchen, dann geht alles seinen Lauf. Oder so.“ „Aber du bleibst doch hier?“ Einen Moment lang schaut er erschrocken aus. Süß. Ausgesprochen süß. „Klar.“ Ich muss ein bisschen lächeln. „Das ist für mich keine Frage. Ich ziehe doch nicht von meinen Freunden weg, nur weil meine Eltern nichts Besseres zu tun haben, als sich auseinander zu leben.“ „Gute Entscheidung. Ich... Wir würden dich vermissen.“ „Gott sei Dank.“ Er lacht und betrachtet die Wolken. „Danke, Marvin. Mir geht’s schon wieder besser.“, sage ich nach einem Moment. Und damit lüge ich nicht. Dieser Junge ist unglaublich. Beherrscht meine Stimmung wie ein Gott. Wie neulich, im Garten... „Was ist, kommst du noch mal mit zu mir?“ Kann der meine Gedanken lesen? „Okay, meinetwegen!“, sage ich, als wäre es das normalste der Welt, zu Marvin nach Hause zu gehen. Wir stehen auf und machen uns auf den Weg.

24.1.07 14:04, kommentieren

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MIRIAM
Es tut gut, neben ihm zu sitzen. Mit kleinen Zahlen notiert er etwas auf einem Zettel, ich muss mich zusammenreisen, um seinen Berechnungen zu folgen. Seine grünen Augen leuchten in der Frühlingssonne, die durch das Fenster hereinscheint. Eine rabenschwarze Haarsträhne fällt ihm ins Gesicht. Mit einem Ruck, der mir sehr viel Mühe kostet, wende ich meinen Blick von ihm auf das Blatt Papier. Marvin erklärt vollkommen anders als der Schmidt – besser und verständlicher. Langsam frage ich mich, ob es etwas gibt, das dieser Junge nicht beherrscht. Nach seinen Behauptungen ist das unter anderem Volleyball, aber davon werde ich mich ja gleich überzeugen können. „So, jetzt du.“ Er drückt mir einen schwarzen Bleistift in die Hand und zeigt auf eine Aufgabe im Mathebuch. Zaghaft schreibe ich eine Formel auf das Blatt, er beobachtet mich mit wachen Blicken, die mir fast schon ungewohnt von ihm erscheinen. „Richtig?“ Ich schaue ihn an, die Wucht seines Blickes trifft mich unerwartet. Er nickt als Antwort auf meine Frage. Ich starre noch mal die Gleichung an, dann verstehe ich langsam, was ich da gerechnet habe. Es kommt mir vor, als würde allein Marvins Angelegenheit meine Intelligenz um achtzig Prozent steigern. Unglaublich... „Kommst du langsam dahinter?“ Marvin schaut mich an, aber wie. Ich schüttele meinen Kopf, als ob das meine Gedanken verscheuchen könnte. „Klar!“, stottere ich. Wie war das mit der erhöhten Intelligenz? Von wegen... „Echt gut, dass du mir hilfst!“ Er lächelt herzallerliebst und mir fällt ein, wie schlecht gelaunt er meistens in der Schule ist. Warum sind Jungs so launisch? „Also, nächste Aufgabe.“ Er blättert im Mathebuch eine Seite weiter. „Nummer Sieben.“ Ich will ihm den Stift aus der Hand nehmen, und als ich ihn dabei berühre, zuckt er zusammen, zieht seine weg. Ich will mir nicht anmerken lassen, dass ich erschrocken über seine Reaktion bin und nehme mir den Bleistift, der neben dem Rechenblock liegt. Dann schreibe ich die Aufgabe ab, und währenddessen geht mir ein weiteres Licht auf. Wenn Pi 3,14 ist, dann... „Ah!“, murmle ich erleuchtet, Marvin lacht und die gute Stimmung ist wieder hergestellt. Er stützt seinen Kopf auf die Hand und sieht aus dem Fenster, während ich rechne. Was er wohl gerade denkt? An Tanja? Seine alten Freunde in der alten Schule? Vielleicht hatte er ja eine feste Freundin, dort, wo er herkommt... Vielleicht ist er ja sogar noch mit ihr zusammen. „Ähm, Miriam?“ Ich habe gar nicht gemerkt, dass Marvin auf das Blatt starrt. „Was hast du denn da gerechnet?“ Ich zucke zusammen. „Ähm...“ Wahrscheinlich ist er jetzt total genervt von mir und das wars dann mit dem gemeinsamen Mathelernen... Wegen diesen Gedanken bin ich auch überrascht von seiner Reaktion: Er kichert los. „Oh nein, seit wann ist denn bitte 27 plus 40 gleich 70?“ Wahrscheinlich werde ich jetzt knallrot. „Oh nein!“ Marvin grinst immer noch schelmisch. „Sorry. Bin wahrscheinlich vom vielen Lernen schon total... ausgelaugt.“ „Wann schreiben wir gleich wieder die nächste Schulaufgabe?“ „In zwei Wochen.“ Meine Mundwinkel zucken nach unten. „Leider. Wie soll ich das bitte schaffen?“ „Du schaffst das. Wir schaffen das.“ Hat er gerade wir gesagt? Wie schön... „Du kannst immerhin Volleyball spielen. Und genau das bringst du mir jetzt auch bei.“ Marvin steht auf und verschwindet aus dem Zimmer. Holt wahrscheinlich einen Ball. Diese Möglichkeit nutze ich, mich hier mal ein bisschen genauer umzusehen... Im Schreibtischstuhl drehe ich mich um die eigene Achse und stehe auf. Ein Foto von drei Jungs, darunter ein kleiner Marvin mit einem verträumten Gesicht und kurzen schwarzen Haaren, steht auf dem Nachttischchen. Die beiden andern Jungs haben den Arm um Marvin gelegt und grinsen um die Wette. Die Tür geht auf, plötzlich steht der reale Marvin neben mir. „Oh...“, murmelt er verlegen. „Deine alten Freunde?“, überspiele ich meine Verlegenheit, auf meiner Safari erwischt worden sein. Marvin nickt und setzt wieder seinen verträumten Blick auf, den ich ziemlich verführerisch auffasse... Erst jetzt merke ich, dass er tatsächlich einen Volleyball unter dem Arm geklemmt hält. „Der gehört aber nicht dir?“ Ich zeige darauf. „Nee. Für solche Folterinstrumente gebe ich kein Geld aus. Der gehört meinem Bruder.“ Ich nicke und wir gehen die Treppe runter, zur Haustüre. Ich schlüpfe in meine Vans, er öffnet einen Schrank und holt auch ein paar der Schuhe raus. „Bequemer als Chucks.“ Partnerlook... Hilfe, wo ist mein Verstand? Wir gehen hinters Haus, wo eine kleine Wiese liegt. „Also, das hier ist ein Ball. Mit dem kann man ganz tolle Sachen machen.“ „Puh. Unter lustig verstehe ich aber was anderes als diese Quälerei!“ „So, Achtung!“ Ich werfe den Volleyball in die Höhe und pritsche ihn Marvin zu. Und was macht der? Fängt ihn auf. „Marvin? Wir spielen Volleyball. Oder versuchen es zumindest. Das heißt, du musst ihn zurückpritschen und nicht auffangen!“ Er lacht. „Ich weiß. Also dann los.“ Jetzt pritscht er mir den Ball zu, ohne Probleme bringe ich ihn wieder zu ihm zurück. Marvin lässt ihn fallen. „Ich hasse Sport.“ Ich lache. „Volleyball ist okay, du alter Mann. Also, weiter!“ In den ersten zehn Minuten sieht es nicht so aus, als würde unsere kleine Volleyballstunde Erfolg bringen, doch mit der Zeit wird Marvin sicherer. Einmal schaffen wir es, den Ball zehnmal hin- und herzupritschen. „Yeah!“, schreit Marvin. „Und noch mal!“ In dem Moment fühle ich etwas Hartes unter meinem Fuß und es haut mich der Länge nach hin. Sofort sitzt ein Marvin mit einem geschocktem Gesichtsausdruck neben mir. „Geht´s?“ „Ahh...“ stöhne ich und halte meinen Fuß. Marvin wird bleich wie ein Laken. „Äh...“ Dann muss ich loskichern. „Hey, du solltest mal dich mal im Spiegel sehen! Und ich sollte Schauspielerin werden!“ „Was fällt dir ein?“, lacht Marvin. „Mich so zu schocken?“ „Mhhh.“ Ich lege mich auf den Rücken ins Gras und blinzle in die Sonne. Marvin beobachtet mich. Eine Weile schweigen wir beide, was mich aber nicht im geringsten stört. Ein schönes Schweigen voller Sonnenschein... Hilfe, ich verblöde. „An was denkst du gerade?“, fragt mich Marvin dann. „Sag ich nich!“, grinse ich. Er muss ja auch nicht wissen, dass ich gerade überlege, wie schön es in seiner Gegenwart ist. Wie leicht ich mich fühle. Ganz anders als wenn ich mit anderen Jungs abhänge. Er legt sich neben mich, achtet aber auf einen Abstand zwischen unseren Körpern. Scheint mich ja sehr zu mögen. Wieder dieses wohlige Schweigen... Das Gras unter meinem Rücken fühlt sich warm an und die Sonne scheint auf meine Beine unter meiner Netzstrumpfhose. „Whisper, whisper, don´t make a sound...“, fängt Marvin an zu flüstern. „Billy Talent.“ „Mh.“ „Geile Band.“ „Allerdings. Vor allem Live. War letztes Jahr auf einem Konzert in Berlin.“ „Echt?“ Ich rolle mich auf die Seite und schaue in sein perfektes Gesicht. „Is ja geil. War ziemlich heftig, oder?“ Marvin lacht. „Du findest Billy Talent heftig? Du?“ Ich zucke mit den Schultern. „Na ja...“ „Du hörst doch sonst wahrscheinlich Punk, oder nicht?“ „Ich? Nö, eigentlich kein bisschen. Lass mich raten, du hast von meinem Aussehen auf meinen Charakter geschlossen!“ Wie schon so viele Menschen. „Öhm... Ja.“ Marvin lächelt verlegen. „Du bezeichnest dich also selbst nicht als Punk?“ „Nee. Ich zieh mich eben nur so an, wie es mir gefällt. Und Netzstrumpfhosen und Vans gefallen mir eben.“ „Find ich gut.“ Marvin streckt sich. „Hatte schon Schiss, dass es hier nur Spießer gibt.“ „Mh...“ Ich inspiziere eine Wolke in Form eines Herzchens. Wie kitschig. „Vermisst du deine alten Freunde?“ „Hast du mich das heute nicht schon mal gefragt?“ Er grinst. „Nee.“ „Na gut. In meiner Schule hatte ich nicht viele, dafür aber echt gute Freunde. Und ja, ich vermisse die schon ein bisschen.“ „Und sonst?“ „Wie meinst du das?“ „Ähm, na ja...“ Ich hole tief Luft. „Hattest du denn keine Freundin?“ Marvin seufzt. „Ach, das.“ Er schweigt kurz. „Ich war bisher erst mit einem Mädchen zusammen. Ist schon länger her. Sie hat Schluss gemacht. Und danach hab ich bisher noch nicht wirklich Mädchen gefunden, die meiner Vorstellung entsprechen.“ Mir kommt es vor, als hätte mir jemand ein Messer ins Herz gerammt. „Oder so.“, murmelt Marvin. „Fast...“ Ist mir auch egal, was er sagt... Ich drehe mein Gesicht zur Seite, falls sich meine Augen entschließen sollten, zu heulen. „Oh Scheiße. Ich muss.“, sage ich nach einem Blick auf meine Uhr und schon bin ich auf dem Weg zum Gartentor. „Miriam, warte.“ Ich habe meine Hand schon an der Klinke, als er neben mir steht. „Nochmals danke, dass du mir geholfen hast. Ich denke, wenn wir uns nächste Woche noch mal treffen, schaffst du mindestens eine gute Drei in der Schulaufgabe. Einverstanden?“ Am liebsten würde ich beleidigt abziehen, doch ich will nicht die beleidigte Zicke spielen. Also versuche ich ein mildes Lächeln und nicke. „Also, tschüss. Bis morgen.“ Seine Hand ruht ungefähr eine Sekunde auf meiner Schulter, dann dreht er sich um und verschwindet im Haus. Ich schließe kurz die Augen und gehe dann die Straße entlang, nach Hause. Nach hundert Metern fange ich an zu rennen. Dann lasse ich endlich meinen Tränen freien Lauf.

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MIRIAM
Ein letztes Mal drehe ich mich zu ihm um, lächle, dann gehe ich los. Wie schon vor einer Woche fange ich ein paar Schritte später an zu rennen. Diesmal aber nicht mit einem lebensgefährlichen, sondern einem wunder, wunderschönen Gefühl im Bauch. Was aber ziemlich runtergezogen wird, als ich meine Mutter sehe. Über das Glücksgefühl hätte ich beinahe unsere Katastrophenfamilie vergessen... Wie sie in der Küche steht, vor dem Herd. Mit einer Packung Mehl in der Hand. Sie sieht aus dem Fenster. „Mama.“ „Miriam.“ Hektisch schaut sie sich um. „Wo warst du denn? Ich habe mir schon-“ „...Sorgen gemacht. Musst du nicht.“ Gegen meinen Willen steigt ein zärtliches Gefühl in mir auf. Was hat Marvin mit mir angestellt? Vorhin war ich noch stinkwütend auf meine Eltern, jetzt will ich sie am besten beide gleichzeitig trösten. Da ist wieder diese traurige Stimmung... „Es gibt gleich Essen.“ Sie versucht zu lächeln. Und bricht ein paar Sekunden später in Tränen aus, weint; so sehr, wie in Mensch nur weinen kann. Ich stürze auf sie zu, umarme sie und streichle ihr beruhigend über den Kopf. Ihre Tränen laufen ihr über die Wangen, dann tropfen sie auf mein schwarzes T-Shirt. Beruhigend rede ich weiter auf sie ein. So stehen wir ein paar Minuten da. Oder länger. Irgendwann klingelt die Tür. ?“Ich geh schon.“ Nachdem ich aufgemacht habe, Joe sich umgeschaut und die Lage erkannt hat, hebt sie die Hände. „Bin schon wieder weg.“ „Nein, komm doch bitte rein. Miriam wollte dich sowieso gerade anrufen.“ Was zwar nicht stimmt, aber ich bin trotzdem erleichtert, dass Joe da ist. Länger wüsste ich nicht, wie ich meine Mutter trösten könnte. „Oh Scheiße, tut mir Leid, dass ich jetzt reingeplatzt bin!“ Joe ist die Sache sichtlich peinlich. „Ich war bei Marvin.“ Ohne eine weitere Sekunde zu vergeuden, fange ich an. „Oh. Mein. Gott.“ Außer Atem lasse ich mich auf mein Bett fallen. “Dieser Typ ist einfach…” „Miri, Miri. Dich hat´s ja ziemlich-“ „Sag nix! Ich...“ „Nein, behaupte nicht, du willst es nicht wahrhaben, weil er sowieso nichts von dir will. Kämpf, Miriam.“ „Was´n mit dir los?“ Verwundert schaue ich sie an. „Hach, ja, war grad bei meinem Sebi. Aber, weiter, jetzt sag schon. Wie lange habt ihr rumgeknutscht?“ „Joe. Bin ich du? Nein.“ „Na gut, bist du wirklich nicht. Du Arme.“ Sie lacht über ihren eigenen, mäßig lustigen Witz. „Nee, im Ernst. War´s besser als das letzte Mal?“ „Auf jeden Fall.“ Joe lacht schallend auf. „Miriam, mein Gute! Du müsstest mal deinen Blick sehen. Wie eine verliebte Kuh!“ „Joe!“ Ich werfe ihr einen meiner berühmten Giftpfeil-Blicke zu. „Oha, schon gut. Beruhige dich. Also, fang an.“

24.1.07 14:03, kommentieren