7

MARVIN
„So, jetzt noch mal den Refrain, Jungs!“ Christian schaut Till sauer an, als dieser einfach weiterspielt. „Till, benimm dich. Also, Nico, los.“ „Till, benimm dich.“ Till verdreht die Augen. Christian hat Recht. Die Schulfeier – Frühlingsfeier oder so – ist in drei Wochen, und es muss noch viel getan werden. Während ich spiele, vergeht die Zeit mal wieder doppelt so schnell. Auch wenn ich mich nicht sonderlich konzentrieren kann. Seltsamerweise ist Miriam der Grund dafür. Wie kommt das jetzt?! Ich versuche mich abzulenken: Durch das genaue Zählen der Takte, des genauen Tempos und das Hören auf die anderen. Es macht höllisch Spaß, endlich mal wieder mit jemanden Gitarrenrock zu machen. Endlich kann ich mal wieder so richtig loslegen. Und ein Riff... Schlagzeugsolo... Refrain... Und der letzte Akkord. „Super. Wir sind die Besten.“ Christian strahlt. „Ich würde sagen, wir treffen uns... diese Woche am Dienstag... Und danach am Samstag. Einverstanden?“ „Jo, super. Haut hin!“ Nico springt auf. „Sorry, Jungs, ich muss!“ Und schon ist er weg. „Mh, meinetwegen.“ Wow, sogar Till ist einverstanden. „Ja, Dienstag und Samstag. Geht klar.“ „So muss das laufen!“, grinst Christian. „Okay, ich hau dann auch mal ab. Tschüss, Jungs!“ Weil ich nicht allein mit Till im Proberaum hocken will, schlüpfe in meine Jacke und verschwinde nach einem kurzen „Ciao“ durch die Tür nach draußen. Es dämmert schon. Ich gehe zügig durch den Park, durch die Straßen nach Hause. Morgen schreiben wir Matheschulaufgabe und im Grunde habe ich nur ins Buch geschaut, als ich mit Miriam gelernt habe. Miriam. Verdammt. Ich bekomme ihr Gesicht nicht mehr aus dem Kopf. Seit diesem Tag, an dem wir zusammen auf der Wiese gelegen waren... Ich schüttle verärgert den Kopf und jogge noch bis zum Haus. Daheim lerne ich dann trotzdem nicht mehr, sondern falle in mein Bett und schlafe sofort tief und fest ein.

„Marvin!“ Tanja hat mich entdeckt und rast auf mich zu. „Kannst du Mathe? Mann, hab ich Schiss!“ „Hi Tanja. In welcher Stunde schreiben wir?“ „Du bist ja toll informiert. In der ersten.“ Sie lacht und zieht mich ins Klassenzimmer. „Jetzt. Sofort. Scheiße, hoffentlich schaff ich eine Drei!“ „Haha, Tanja, du bist echt komisch. Ich bin froh, wenn ich eine Vier schaffe. Aber wirklich.“ Miriam will gerade unser Klassenzimmer verlassen, als sie mich sieht. „Marvin!“ Sie lächelt. „Hey. Na, aufgeregt?“ „Haha. Aufgeregt? Du untertreibst, aber gewaltig.“ Und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen sagt sie das nicht aus Spaß, sondern hat wirklich ziemlich Schiss. „Miriam.“ Ich schiebe sie vor die Tür. „Marvin, es geht um meine Zeugnisnote. Die gibt’s bald, weißt du doch auch.“ Ich nicke. „Ja, ich weiß. Aber du kannst es im Grunde. Darfst dir nur nicht so viele Sorgen machen.“ „Glaubst du wirklich?“ Ihre blauen Augen, die durch den schwarzen Kajal noch mehr leuchten als sonst, spiegeln panische Angst wider. Wie kann jemand so Panik vor einer Schulaugabe haben? Oder ist das bei Mädchen generell so? Na ja. Wohl eher nicht. Aus den Augenwinkeln sehe ich Joe, wie sie lachend mit ein paar anderen Mädchen den Flur betritt. Und den besten Schnitt hat sie auch nicht, wie ich von Miriam weiß. „Wenn ich das jetzt verhaue, dann...“ „Hey.“ Ihre Ausstrahlung macht mich verrückt. Ich lege meine Hände auf ihre Schultern. „Jetzt mach dich mal nicht verrückt, okay?“ Ihre Mundwinkeln zucken nach oben. „Okay.“, flüstert sie. „Wow, was geht denn hier ab?“ Joe steht neben uns, die Hände in die Hüften gestützt. „Klappe!“, zischt Miriam, macht sich von mir los und geht zu ihrem Platz. „Marvin, ich hab dich erwischt!“ Joe grinst spitzbübisch. Sehr, sehr lustig. „Ach, sei doch still.“ Muss nicht auch noch Joe mich verwirren. Weiß ja nicht mal selber, was mit meinen Gefühlen los ist. Als ich mich auf meinen Stuhl niederlasse, wirft mir Tanja giftige Blicke zu. „Na, hast viel Spaß mit Miriam, nicht wahr?“ Sie ruckt ein Stück von mir weg und legt sich den Füller für die Schulaufgabe bereit. Verdammt, was ist hier los? Seit diesem Tag ist alles anders... Dabei ist doch gar nichts großartiges passiert, oder? „So, sind jetzt endlich alle da?“ Die Eule schreit ausnahmsweise mal. „Gut, dann geht es jetzt los.“ Hektisch verteilt er die Aufgabenzettel. Miriam dreht sich zu mir um, ich zwinkere ihr zu. Sie lächelt. „Miriam, bitte die Gespräche einstellen!“ Die Eule wirft mir und Tanja ein Blatt hin. „So, ihr könnt anfangen. Habt ab jetzt... eine Dreiviertelstunde Zeit!“ Ich überfliege die Aufgaben. Ziemlich einfach. Noch einmal schaue ich zu Miriam, registriere beruhigt, dass sie schon schreibt, und fange auch an.

24.1.07 14:02, kommentieren

8

MIRIAM
„Puuuuuh, die hab ich wohl versaut!“ Joe grinst. „Na ja, ist ja nur Mathe.“ „Hab sogar ein gutes Gefühl. Dank Marvin.“ „Du und dein Marvin! Is´ ja echt heftig!“ Ich werde wahrscheinlich knallrot. Was muss ich auch immer so dumme Sätze loslassen? „Wo ist denn jetzt mein Sebi?“ Joe stellt sich auf die Zehenspitzen und streckt sich, um im Gewusel in der Aula ihren Freund auszumachen. „Will doch noch tschüss sagen!“ „Also, Joe, ich geh jetzt heim. Tschüss!“ „Oh, sorry, Miriam. Ciao.” Joe küsst mich auf die Wange und verschwindet zwischen den Schülern, während ich nach hause gehe. Widerwillig denke ich an die Stimmung, die bei uns herrscht. Morgen ist es soweit: Papa zieht endgültig aus. Dann ist alles unwiderruflich. Scheiße. Ich atme tief durch, um das dunkle Gefühl zu verdrängen. Wie war das? Nicht mehr an die beiden denken. Lieber an mein Leben. An ... Marvin. Na toll, jetzt bezeichne ich ihn schon als mein Leben. Verdammt. Verdammt! Meine Eltern trennen sich, ich mache mir eine Halbfreundin zum Feind – damit meine ich Tanja, warum auch immer die nicht mehr mit mir redet, und Marvin... Na ja, was soll ich sagen. Immer wieder denke ich daran, wie er seine Hände auf meine Schultern legt. Mich mit diesen wunderschönen Augen anschaut. Sein schiefes Lächeln grinst. Oh Mann. Was hat der mit mir gemacht? Als ich ins Wohnzimmer komme, kann ich allerdings den Gedanken an meine zerbrochene Familie nicht mehr länger zurückhalten. Zwei große Koffer stehen da, von irgendwoher höre ich ein schluchzendes Geräusch. Scheiße, meine Mutter heult wahrscheinlich mal wieder. Wie so oft in den letzen Tagen und leider auch Nächten. Wo sie und Papa getrennt voneinander schlafen. Er auf der Couch, sie im Ehebett. Ich überlege kurz, ob ich zu ihr soll; verwerfe diesen Gedanken allerdings wieder schnell. Ich wüsste nicht, wie ich sie trösten sollte. Mit Unbehagen gehe ich an den Zimmern vorbei. Küche. Wo Mama so oft für die ganze Familie gekocht hatte. Schlafzimmer. Pfff... Bad. Auf vielen Bildern ist zu sehen, wir ich von meinen Eltern gebadet worden bin, als ich noch Windeln trug. Schnell gehe ich in meinen Privatraum und schließe die Tür hinter mir. Zur Ablenkung will ich ein bisschen Musik hören, werfe mich also aufs Bett, mache meine Stereoanlage an und drücke Play. Muse schallt durchs Zimmer. And I´m Feeling good... Von wegen, Matthew. Ich merke, dass ich auf einem Stück Papier liege – einem Brief, um genau zu sein. Der an mich adressiert ist. Komisch, ich kriege nie Post. Egal. Ich öffne das Kuvert und ich halte ein förmlich sehendes Blatt Papier in den Händen. Liebe Frau Miriam Schwarz. Hiermit... Ich schlage die Hände vor dem Mund zusammen und wähle sofort eine Nummer.

24.1.07 14:01, kommentieren

9

MARVIN
Die Tür geht auf, Miriam steht vor mir. „Hi!“ „Oh, Marvin. Komm rein.” Ich betrete den Flur und Miriam schließt die Tür hinter mir. „Du hast unser Haus auf Anhieb gefunden, oder wie?“ Ich lache. „Ich bin neu hier. Da kennt man sich besser aus als Einheimisch, glaub mir.“ Eine pechschwarze Katze mit grünen Augen kommt auf mich zu. „Blacky!“ Miriam bückt sich und streichelt ihre Katze. „Wow. Prachtexemplar!“ Ich nehme mit einem Kennergriff den Kater – wie ich feststelle, ein Männchen – auf den Arm. Dieser fängt sofort an zu schnurren. „Oha, ein Katzenliebhaber.“ „Sieht man?“ „Allerdings.“ Sie grinst. „Ihr seht euch ziemlich ähnlich.“ „Was? Ich und Blacky?“ Dieses Mädchen... „Jo. Schon mal in den Spiegel geschaut? Dasselbe schwarze Fell und die schönen grünen Augen.“ Meine Herz. Hilfe. Was ist mit mir los? „Was das ein Kompliment?“ „Scheint so.“ Miriam wird rot. „Also, komm rein.“ Aus dem Hintergrund ertönt ein wütendes Männergeschrei, Miriam wird blass. „Ähm... Würde es dir was ausmachen, lieber rauszugehen? Also nur wenn du...“ „Kein Problem.“ Sie tut mir Leid. Mehr als das. „Danke.“ Miriam zieht sich etwas über und wir gehen die Eingansstufen runter. „Tut mir Leid. Du weißt ja, meine Eltern...“ „Hey, jetzt bitte nicht dieses Thema.“ Ich lege einen Arm um sie, was mir erstaunlicherweise gar nicht so schwer fällt wie erwartet. Nur mein Herz schlägt ein bisschen schneller als vorher. Sie blinzelt mich an. „Womit habe ich die Ehre?“ Verlegen schaue ich zur Seite. „Schlimm?“?Sie grinst breit. „Nö.“ „Also, um was geht´s? Du wolltest mir was sagen. Hast du am Telefon behauptet.“ „Ja... Stimmt, da war was.“ Sie lacht. „Rat mal.“ „Oh, spann mich doch nicht so auf die Folter. Also, okay. Du hast im Lotto gewonnen. Könnte man jedenfalls deinem Gesichtsausdruck nach denken.“ „Nö. Weiterraten.“ „Miriam, sag mir was los ist!“ Sie zieht eine Schnute. „Nö.“ Spielerisch nehme ich meinen Arm von ihrer Schulter und laufe schein-beleidigt ein paar Schritte vor. „Pah. Dann bin ich halt beleidigt.“ „Na gut, dann will ich mal nicht so sein.“ Sie kommt auf mich zu. „Ich...“, flüstert sie mir ins Ohr. Mir läuft es warm den Rücken runter. „...Hab Karten für... Muse.“ „Wow.“ Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Ein Muse Konzert, das ist... Unbeschreiblich geil. „Du gehst mit Joe zu Muse? Miriam, das ist... Wie fühlt man sich als glücklichster Mensch auf Erden?“, lache ich. „Äh, was? Ich dachte eigentlich, dass du... Ähm... Also, mitkommst?“, fragt sie unsicher. Und ich bin baff. „Ich... Du meinst... Ähm...“ Miriam zuckt mit den Schultern. „Na, ich kann auch mit Joe. Wenn du nicht willst.“ „Was?“ Ich lache nervös. „Ein Musekonzert, das ist ein Traum. Aber die waren ja schon ewig nicht mehr in Deutschland und...“ „Dann freu dich doch einfach. Ich nehm dich mit.“ Ich überwinde meine Schüchternheit und umarme sie. „Ach, Miriam...“ „Gut, nicht wahr? Wir übernachten bei meiner Tante in Berlin und am nächsten Tag ist das Konzert. Schon alles geplant. Und das in einer halben Stunde.“ „Du bist echt unglaublich.“ „Bin ich das?“ „Aber hallo. Und... Was ist mit deiner Tante? Macht es ihr nichts aus, wenn...?“ „Hey. Wenn ich sage, das geht, dann geht das. Meine Tante freut sich immer, wenn ich sie besuchen komme. Und Charlotte ist echt cool. Sie weiß schon, dass ich jemanden mitbringe, ich habs ihr gesagt. Mach dir darüber mal keine Sorgen...“ Frech grinst sie mich an. „Oder hast du etwa Schiss, das ganze Wochenende mit der schlimmen Miriam zu verbringen?“ Ehrlich gesagt – nein, da habe ich wirklich nichts dagegen. Könnte sogar echt nett werden. „Klar. Hab total Angst, dass du mich auffrisst.“ In dem Moment erschrickt mich ein furchtbares Geräusch. Mein Herz schlägt doppelt so schnell. „Scheiße!“ „Marvin? Das ist ein Hund. Hast du etwa...? Oh. Hast du.“ „Oh mein Gott!“, flüstere ich. Ein Schäferhund kommt in einem Affentempo auf mich zu. Nicht gut. Gar nicht gut. Ich breche in Schweiß aus. Noch ein paar Meter. Hilfe! Das Viech hockt vor meinen Füßen und schnappt nach meinen Händen. Hilfe, verdammt!!! Zitternd schaue ich mich nach Rettung um. „Scheißteil, hau ab!“, schreie ich. „Miriam!“ Endlich Rettung, stellen meine Augen fest. Miriam hat den Köter am Genick gepackt und zieht ihn von mir weg. Sie schubst ihn weg und gibt dem Hund noch einen Tritt ins Hinterteil. Verwirrt schaut sich das Tier um und flüchtet dann augenblicklich. Ich schließe die Augen und versuche, mich zu beruhigen. „Marvin, alles okay?“ Miriam scheint gar nicht belustigt von meiner Angst, sondern eher besorgt. Ich schlage die Augen auf. Sie steht ein paar Zentimeter vor ihr. Erschrocken geht sie einen Schritt zurück, mein Herz spielt verrückt, allerdings nicht wegen dem Hund. Ich nicke. „Sorry, das war...“ „Reg dich nicht auf. Ich hab eben Panik vor so einem komischen Blatt, auf dem ein paar Gleichungen stehen und du vor Hunden. Nicht so schlimm.“ Ich beruhige mich langsam wieder. „Solche Scheißtiere!“ „Seit wann hast du das schon? Also, Angst vor Hunden?“ „Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat mich mal so ein Viech angegriffen, als ich noch in die Windeln gemacht habe. Alles möglich.“ „Gott sei Dank hast du deine Beschützerin.“ „Mh, echt. Ähm, danke, dass du das Tier weggescheucht hast.“ Sehr intelligenter Satz, Marvin. „Also, um noch mal auf das Ursprungsthema zurückzukommen: Klappt das mit Muse?“ Erwartungsvoll schaut sie mich an. „Ich hoffe. Meine Eltern krieg ich schon irgendwie rum und wenn das mit deiner Tante klappt... Wär echt geil.“ Sie lächelt. „Fände ich auch. Ich sag dir doch, Charlotte freut sich.“ Samstag... „Oh, und die Bandprobe muss ich ausfallen lassen. Aber was ist Bandprobe gegen Muse?“ Miriam lacht. „Okay. Also: Treffpunkt, wann, wo, wie, was...?“

24.1.07 14:01, kommentieren

10

MIRIAM
Es tut gut, neben ihm zu sitzen. Mit kleinen Zahlen notiert er etwas auf einem Zettel, ich muss mich zusammenreisen, um seinen Berechnungen zu folgen. Seine grünen Augen leuchten in der Frühlingssonne, die durch das Fenster hereinscheint. Eine rabenschwarze Haarsträhne fällt ihm ins Gesicht. Mit einem Ruck, der mir sehr viel Mühe kostet, wende ich meinen Blick von ihm auf das Blatt Papier. Marvin erklärt vollkommen anders als der Schmidt – besser und verständlicher. Langsam frage ich mich, ob es etwas gibt, das dieser Junge nicht beherrscht. Nach seinen Behauptungen ist das unter anderem Volleyball, aber davon werde ich mich ja gleich überzeugen können. „So, jetzt du.“ Er drückt mir einen schwarzen Bleistift in die Hand und zeigt auf eine Aufgabe im Mathebuch. Zaghaft schreibe ich eine Formel auf das Blatt, er beobachtet mich mit wachen Blicken, die mir fast schon ungewohnt von ihm erscheinen. „Richtig?“ Ich schaue ihn an, die Wucht seines Blickes trifft mich unerwartet. Er nickt als Antwort auf meine Frage. Ich starre noch mal die Gleichung an, dann verstehe ich langsam, was ich da gerechnet habe. Es kommt mir vor, als würde allein Marvins Angelegenheit meine Intelligenz um achtzig Prozent steigern. Unglaublich... „Kommst du langsam dahinter?“ Marvin schaut mich an, aber wie. Ich schüttele meinen Kopf, als ob das meine Gedanken verscheuchen könnte. „Klar!“, stottere ich. Wie war das mit der erhöhten Intelligenz? Von wegen... „Echt gut, dass du mir hilfst!“ Er lächelt herzallerliebst und mir fällt ein, wie schlecht gelaunt er meistens in der Schule ist. Warum sind Jungs so launisch? „Also, nächste Aufgabe.“ Er blättert im Mathebuch eine Seite weiter. „Nummer Sieben.“ Ich will ihm den Stift aus der Hand nehmen, und als ich ihn dabei berühre, zuckt er zusammen, zieht seine weg. Ich will mir nicht anmerken lassen, dass ich erschrocken über seine Reaktion bin und nehme mir den Bleistift, der neben dem Rechenblock liegt. Dann schreibe ich die Aufgabe ab, und währenddessen geht mir ein weiteres Licht auf. Wenn Pi 3,14 ist, dann... „Ah!“, murmle ich erleuchtet, Marvin lacht und die gute Stimmung ist wieder hergestellt. Er stützt seinen Kopf auf die Hand und sieht aus dem Fenster, während ich rechne. Was er wohl gerade denkt? An Tanja? Seine alten Freunde in der alten Schule? Vielleicht hatte er ja eine feste Freundin, dort, wo er herkommt... Vielleicht ist er ja sogar noch mit ihr zusammen. „Ähm, Miriam?“ Ich habe gar nicht gemerkt, dass Marvin auf das Blatt starrt. „Was hast du denn da gerechnet?“ Ich zucke zusammen. „Ähm...“ Wahrscheinlich ist er jetzt total genervt von mir und das wars dann mit dem gemeinsamen Mathelernen... Wegen diesen Gedanken bin ich auch überrascht von seiner Reaktion: Er kichert los. „Oh nein, seit wann ist denn bitte 27 plus 40 gleich 70?“ Wahrscheinlich werde ich jetzt knallrot. „Oh nein!“ Marvin grinst immer noch schelmisch. „Sorry. Bin wahrscheinlich vom vielen Lernen schon total... ausgelaugt.“ „Wann schreiben wir gleich wieder die nächste Schulaufgabe?“ „In zwei Wochen.“ Meine Mundwinkel zucken nach unten. „Leider. Wie soll ich das bitte schaffen?“ „Du schaffst das. Wir schaffen das.“ Hat er gerade wir gesagt? Wie schön... „Du kannst immerhin Volleyball spielen. Und genau das bringst du mir jetzt auch bei.“ Marvin steht auf und verschwindet aus dem Zimmer. Holt wahrscheinlich einen Ball. Diese Möglichkeit nutze ich, mich hier mal ein bisschen genauer umzusehen... Im Schreibtischstuhl drehe ich mich um die eigene Achse und stehe auf. Ein Foto von drei Jungs, darunter ein kleiner Marvin mit einem verträumten Gesicht und kurzen schwarzen Haaren, steht auf dem Nachttischchen. Die beiden andern Jungs haben den Arm um Marvin gelegt und grinsen um die Wette. Die Tür geht auf, plötzlich steht der reale Marvin neben mir. „Oh...“, murmelt er verlegen. „Deine alten Freunde?“, überspiele ich meine Verlegenheit, auf meiner Safari erwischt worden sein. Marvin nickt und setzt wieder seinen verträumten Blick auf, den ich ziemlich verführerisch auffasse... Erst jetzt merke ich, dass er tatsächlich einen Volleyball unter dem Arm geklemmt hält. „Der gehört aber nicht dir?“ Ich zeige darauf. „Nee. Für solche Folterinstrumente gebe ich kein Geld aus. Der gehört meinem Bruder.“ Ich nicke und wir gehen die Treppe runter, zur Haustüre. Ich schlüpfe in meine Vans, er öffnet einen Schrank und holt auch ein paar der Schuhe raus. „Bequemer als Chucks.“ Partnerlook... Hilfe, wo ist mein Verstand? Wir gehen hinters Haus, wo eine kleine Wiese liegt. „Also, das hier ist ein Ball. Mit dem kann man ganz tolle Sachen machen.“ „Puh. Unter lustig verstehe ich aber was anderes als diese Quälerei!“ „So, Achtung!“ Ich werfe den Volleyball in die Höhe und pritsche ihn Marvin zu. Und was macht der? Fängt ihn auf. „Marvin? Wir spielen Volleyball. Oder versuchen es zumindest. Das heißt, du musst ihn zurückpritschen und nicht auffangen!“ Er lacht. „Ich weiß. Also dann los.“ Jetzt pritscht er mir den Ball zu, ohne Probleme bringe ich ihn wieder zu ihm zurück. Marvin lässt ihn fallen. „Ich hasse Sport.“ Ich lache. „Volleyball ist okay, du alter Mann. Also, weiter!“ In den ersten zehn Minuten sieht es nicht so aus, als würde unsere kleine Volleyballstunde Erfolg bringen, doch mit der Zeit wird Marvin sicherer. Einmal schaffen wir es, den Ball zehnmal hin- und herzupritschen. „Yeah!“, schreit Marvin. „Und noch mal!“ In dem Moment fühle ich etwas Hartes unter meinem Fuß und es haut mich der Länge nach hin. Sofort sitzt ein Marvin mit einem geschocktem Gesichtsausdruck neben mir. „Geht´s?“ „Ahh...“ stöhne ich und halte meinen Fuß. Marvin wird bleich wie ein Laken. „Äh...“ Dann muss ich loskichern. „Hey, du solltest mal dich mal im Spiegel sehen! Und ich sollte Schauspielerin werden!“ „Was fällt dir ein?“, lacht Marvin. „Mich so zu schocken?“ „Mhhh.“ Ich lege mich auf den Rücken ins Gras und blinzle in die Sonne. Marvin beobachtet mich. Eine Weile schweigen wir beide, was mich aber nicht im geringsten stört. Ein schönes Schweigen voller Sonnenschein... Hilfe, ich verblöde. „An was denkst du gerade?“, fragt mich Marvin dann. „Sag ich nich!“, grinse ich. Er muss ja auch nicht wissen, dass ich gerade überlege, wie schön es in seiner Gegenwart ist. Wie leicht ich mich fühle. Ganz anders als wenn ich mit anderen Jungs abhänge. Er legt sich neben mich, achtet aber auf einen Abstand zwischen unseren Körpern. Scheint mich ja sehr zu mögen. Wieder dieses wohlige Schweigen... Das Gras unter meinem Rücken fühlt sich warm an und die Sonne scheint auf meine Beine unter meiner Netzstrumpfhose. „Whisper, whisper, don´t make a sound...“, fängt Marvin an zu flüstern. „Billy Talent.“ „Mh.“ „Geile Band.“ „Allerdings. Vor allem Live. War letztes Jahr auf einem Konzert in Berlin.“ „Echt?“ Ich rolle mich auf die Seite und schaue in sein perfektes Gesicht. „Is ja geil. War ziemlich heftig, oder?“ Marvin lacht. „Du findest Billy Talent heftig? Du?“ Ich zucke mit den Schultern. „Na ja...“ „Du hörst doch sonst wahrscheinlich Punk, oder nicht?“ „Ich? Nö, eigentlich kein bisschen. Lass mich raten, du hast von meinem Aussehen auf meinen Charakter geschlossen!“ Wie schon so viele Menschen. „Öhm... Ja.“ Marvin lächelt verlegen. „Du bezeichnest dich also selbst nicht als Punk?“ „Nee. Ich zieh mich eben nur so an, wie es mir gefällt. Und Netzstrumpfhosen und Vans gefallen mir eben.“ „Find ich gut.“ Marvin streckt sich. „Hatte schon Schiss, dass es hier nur Spießer gibt.“ „Mh...“ Ich inspiziere eine Wolke in Form eines Herzchens. Wie kitschig. „Vermisst du deine alten Freunde?“ „Hast du mich das heute nicht schon mal gefragt?“ Er grinst. „Nee.“ „Na gut. In meiner Schule hatte ich nicht viele, dafür aber echt gute Freunde. Und ja, ich vermisse die schon ein bisschen.“ „Und sonst?“ „Wie meinst du das?“ „Ähm, na ja...“ Ich hole tief Luft. „Hattest du denn keine Freundin?“ Marvin seufzt. „Ach, das.“ Er schweigt kurz. „Ich war bisher erst mit einem Mädchen zusammen. Ist schon länger her. Sie hat Schluss gemacht. Und danach hab ich bisher noch nicht wirklich Mädchen gefunden, die meiner Vorstellung entsprechen.“ Mir kommt es vor, als hätte mir jemand ein Messer ins Herz gerammt. „Oder so.“, murmelt Marvin. „Fast...“ Ist mir auch egal, was er sagt... Ich drehe mein Gesicht zur Seite, falls sich meine Augen entschließen sollten, zu heulen. „Oh Scheiße. Ich muss.“, sage ich nach einem Blick auf meine Uhr und schon bin ich auf dem Weg zum Gartentor. „Miriam, warte.“ Ich habe meine Hand schon an der Klinke, als er neben mir steht. „Nochmals danke, dass du mir geholfen hast. Ich denke, wenn wir uns nächste Woche noch mal treffen, schaffst du mindestens eine gute Drei in der Schulaufgabe. Einverstanden?“ Am liebsten würde ich beleidigt abziehen, doch ich will nicht die beleidigte Zicke spielen. Also versuche ich ein mildes Lächeln und nicke. „Also, tschüss. Bis morgen.“ Seine Hand ruht ungefähr eine Sekunde auf meiner Schulter, dann dreht er sich um und verschwindet im Haus. Ich schließe kurz die Augen und gehe dann die Straße entlang, nach Hause. Nach hundert Metern fange ich an zu rennen. Dann lasse ich endlich meinen Tränen freien Lauf.

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