5

MIRIAM
Es tut gut, neben ihm zu sitzen. Mit kleinen Zahlen notiert er etwas auf einem Zettel, ich muss mich zusammenreisen, um seinen Berechnungen zu folgen. Seine grünen Augen leuchten in der Frühlingssonne, die durch das Fenster hereinscheint. Eine rabenschwarze Haarsträhne fällt ihm ins Gesicht. Mit einem Ruck, der mir sehr viel Mühe kostet, wende ich meinen Blick von ihm auf das Blatt Papier. Marvin erklärt vollkommen anders als der Schmidt – besser und verständlicher. Langsam frage ich mich, ob es etwas gibt, das dieser Junge nicht beherrscht. Nach seinen Behauptungen ist das unter anderem Volleyball, aber davon werde ich mich ja gleich überzeugen können. „So, jetzt du.“ Er drückt mir einen schwarzen Bleistift in die Hand und zeigt auf eine Aufgabe im Mathebuch. Zaghaft schreibe ich eine Formel auf das Blatt, er beobachtet mich mit wachen Blicken, die mir fast schon ungewohnt von ihm erscheinen. „Richtig?“ Ich schaue ihn an, die Wucht seines Blickes trifft mich unerwartet. Er nickt als Antwort auf meine Frage. Ich starre noch mal die Gleichung an, dann verstehe ich langsam, was ich da gerechnet habe. Es kommt mir vor, als würde allein Marvins Angelegenheit meine Intelligenz um achtzig Prozent steigern. Unglaublich... „Kommst du langsam dahinter?“ Marvin schaut mich an, aber wie. Ich schüttele meinen Kopf, als ob das meine Gedanken verscheuchen könnte. „Klar!“, stottere ich. Wie war das mit der erhöhten Intelligenz? Von wegen... „Echt gut, dass du mir hilfst!“ Er lächelt herzallerliebst und mir fällt ein, wie schlecht gelaunt er meistens in der Schule ist. Warum sind Jungs so launisch? „Also, nächste Aufgabe.“ Er blättert im Mathebuch eine Seite weiter. „Nummer Sieben.“ Ich will ihm den Stift aus der Hand nehmen, und als ich ihn dabei berühre, zuckt er zusammen, zieht seine weg. Ich will mir nicht anmerken lassen, dass ich erschrocken über seine Reaktion bin und nehme mir den Bleistift, der neben dem Rechenblock liegt. Dann schreibe ich die Aufgabe ab, und währenddessen geht mir ein weiteres Licht auf. Wenn Pi 3,14 ist, dann... „Ah!“, murmle ich erleuchtet, Marvin lacht und die gute Stimmung ist wieder hergestellt. Er stützt seinen Kopf auf die Hand und sieht aus dem Fenster, während ich rechne. Was er wohl gerade denkt? An Tanja? Seine alten Freunde in der alten Schule? Vielleicht hatte er ja eine feste Freundin, dort, wo er herkommt... Vielleicht ist er ja sogar noch mit ihr zusammen. „Ähm, Miriam?“ Ich habe gar nicht gemerkt, dass Marvin auf das Blatt starrt. „Was hast du denn da gerechnet?“ Ich zucke zusammen. „Ähm...“ Wahrscheinlich ist er jetzt total genervt von mir und das wars dann mit dem gemeinsamen Mathelernen... Wegen diesen Gedanken bin ich auch überrascht von seiner Reaktion: Er kichert los. „Oh nein, seit wann ist denn bitte 27 plus 40 gleich 70?“ Wahrscheinlich werde ich jetzt knallrot. „Oh nein!“ Marvin grinst immer noch schelmisch. „Sorry. Bin wahrscheinlich vom vielen Lernen schon total... ausgelaugt.“ „Wann schreiben wir gleich wieder die nächste Schulaufgabe?“ „In zwei Wochen.“ Meine Mundwinkel zucken nach unten. „Leider. Wie soll ich das bitte schaffen?“ „Du schaffst das. Wir schaffen das.“ Hat er gerade wir gesagt? Wie schön... „Du kannst immerhin Volleyball spielen. Und genau das bringst du mir jetzt auch bei.“ Marvin steht auf und verschwindet aus dem Zimmer. Holt wahrscheinlich einen Ball. Diese Möglichkeit nutze ich, mich hier mal ein bisschen genauer umzusehen... Im Schreibtischstuhl drehe ich mich um die eigene Achse und stehe auf. Ein Foto von drei Jungs, darunter ein kleiner Marvin mit einem verträumten Gesicht und kurzen schwarzen Haaren, steht auf dem Nachttischchen. Die beiden andern Jungs haben den Arm um Marvin gelegt und grinsen um die Wette. Die Tür geht auf, plötzlich steht der reale Marvin neben mir. „Oh...“, murmelt er verlegen. „Deine alten Freunde?“, überspiele ich meine Verlegenheit, auf meiner Safari erwischt worden sein. Marvin nickt und setzt wieder seinen verträumten Blick auf, den ich ziemlich verführerisch auffasse... Erst jetzt merke ich, dass er tatsächlich einen Volleyball unter dem Arm geklemmt hält. „Der gehört aber nicht dir?“ Ich zeige darauf. „Nee. Für solche Folterinstrumente gebe ich kein Geld aus. Der gehört meinem Bruder.“ Ich nicke und wir gehen die Treppe runter, zur Haustüre. Ich schlüpfe in meine Vans, er öffnet einen Schrank und holt auch ein paar der Schuhe raus. „Bequemer als Chucks.“ Partnerlook... Hilfe, wo ist mein Verstand? Wir gehen hinters Haus, wo eine kleine Wiese liegt. „Also, das hier ist ein Ball. Mit dem kann man ganz tolle Sachen machen.“ „Puh. Unter lustig verstehe ich aber was anderes als diese Quälerei!“ „So, Achtung!“ Ich werfe den Volleyball in die Höhe und pritsche ihn Marvin zu. Und was macht der? Fängt ihn auf. „Marvin? Wir spielen Volleyball. Oder versuchen es zumindest. Das heißt, du musst ihn zurückpritschen und nicht auffangen!“ Er lacht. „Ich weiß. Also dann los.“ Jetzt pritscht er mir den Ball zu, ohne Probleme bringe ich ihn wieder zu ihm zurück. Marvin lässt ihn fallen. „Ich hasse Sport.“ Ich lache. „Volleyball ist okay, du alter Mann. Also, weiter!“ In den ersten zehn Minuten sieht es nicht so aus, als würde unsere kleine Volleyballstunde Erfolg bringen, doch mit der Zeit wird Marvin sicherer. Einmal schaffen wir es, den Ball zehnmal hin- und herzupritschen. „Yeah!“, schreit Marvin. „Und noch mal!“ In dem Moment fühle ich etwas Hartes unter meinem Fuß und es haut mich der Länge nach hin. Sofort sitzt ein Marvin mit einem geschocktem Gesichtsausdruck neben mir. „Geht´s?“ „Ahh...“ stöhne ich und halte meinen Fuß. Marvin wird bleich wie ein Laken. „Äh...“ Dann muss ich loskichern. „Hey, du solltest mal dich mal im Spiegel sehen! Und ich sollte Schauspielerin werden!“ „Was fällt dir ein?“, lacht Marvin. „Mich so zu schocken?“ „Mhhh.“ Ich lege mich auf den Rücken ins Gras und blinzle in die Sonne. Marvin beobachtet mich. Eine Weile schweigen wir beide, was mich aber nicht im geringsten stört. Ein schönes Schweigen voller Sonnenschein... Hilfe, ich verblöde. „An was denkst du gerade?“, fragt mich Marvin dann. „Sag ich nich!“, grinse ich. Er muss ja auch nicht wissen, dass ich gerade überlege, wie schön es in seiner Gegenwart ist. Wie leicht ich mich fühle. Ganz anders als wenn ich mit anderen Jungs abhänge. Er legt sich neben mich, achtet aber auf einen Abstand zwischen unseren Körpern. Scheint mich ja sehr zu mögen. Wieder dieses wohlige Schweigen... Das Gras unter meinem Rücken fühlt sich warm an und die Sonne scheint auf meine Beine unter meiner Netzstrumpfhose. „Whisper, whisper, don´t make a sound...“, fängt Marvin an zu flüstern. „Billy Talent.“ „Mh.“ „Geile Band.“ „Allerdings. Vor allem Live. War letztes Jahr auf einem Konzert in Berlin.“ „Echt?“ Ich rolle mich auf die Seite und schaue in sein perfektes Gesicht. „Is ja geil. War ziemlich heftig, oder?“ Marvin lacht. „Du findest Billy Talent heftig? Du?“ Ich zucke mit den Schultern. „Na ja...“ „Du hörst doch sonst wahrscheinlich Punk, oder nicht?“ „Ich? Nö, eigentlich kein bisschen. Lass mich raten, du hast von meinem Aussehen auf meinen Charakter geschlossen!“ Wie schon so viele Menschen. „Öhm... Ja.“ Marvin lächelt verlegen. „Du bezeichnest dich also selbst nicht als Punk?“ „Nee. Ich zieh mich eben nur so an, wie es mir gefällt. Und Netzstrumpfhosen und Vans gefallen mir eben.“ „Find ich gut.“ Marvin streckt sich. „Hatte schon Schiss, dass es hier nur Spießer gibt.“ „Mh...“ Ich inspiziere eine Wolke in Form eines Herzchens. Wie kitschig. „Vermisst du deine alten Freunde?“ „Hast du mich das heute nicht schon mal gefragt?“ Er grinst. „Nee.“ „Na gut. In meiner Schule hatte ich nicht viele, dafür aber echt gute Freunde. Und ja, ich vermisse die schon ein bisschen.“ „Und sonst?“ „Wie meinst du das?“ „Ähm, na ja...“ Ich hole tief Luft. „Hattest du denn keine Freundin?“ Marvin seufzt. „Ach, das.“ Er schweigt kurz. „Ich war bisher erst mit einem Mädchen zusammen. Ist schon länger her. Sie hat Schluss gemacht. Und danach hab ich bisher noch nicht wirklich Mädchen gefunden, die meiner Vorstellung entsprechen.“ Mir kommt es vor, als hätte mir jemand ein Messer ins Herz gerammt. „Oder so.“, murmelt Marvin. „Fast...“ Ist mir auch egal, was er sagt... Ich drehe mein Gesicht zur Seite, falls sich meine Augen entschließen sollten, zu heulen. „Oh Scheiße. Ich muss.“, sage ich nach einem Blick auf meine Uhr und schon bin ich auf dem Weg zum Gartentor. „Miriam, warte.“ Ich habe meine Hand schon an der Klinke, als er neben mir steht. „Nochmals danke, dass du mir geholfen hast. Ich denke, wenn wir uns nächste Woche noch mal treffen, schaffst du mindestens eine gute Drei in der Schulaufgabe. Einverstanden?“ Am liebsten würde ich beleidigt abziehen, doch ich will nicht die beleidigte Zicke spielen. Also versuche ich ein mildes Lächeln und nicke. „Also, tschüss. Bis morgen.“ Seine Hand ruht ungefähr eine Sekunde auf meiner Schulter, dann dreht er sich um und verschwindet im Haus. Ich schließe kurz die Augen und gehe dann die Straße entlang, nach Hause. Nach hundert Metern fange ich an zu rennen. Dann lasse ich endlich meinen Tränen freien Lauf.

24.1.07 14:03

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen