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MIRIAM
„Miriam? Komm doch mal bitte runter, wir müssen mit dir reden.“ Och nö, was kommt jetzt? Ich stehe auf und gehe ins Wohnzimmer. Meine Eltern sitzen da, Mama auf dem dunkelblauen Sofa, Papa im Sessel. Beide schauen ziemlich ernst. Nein, verdammt ernst. Was hab ich verbrochen? „Setz dich.“ Mamas Stimme zittert. Hilfe, was ist hier los? Ich setze mich auf den Boden. „Es ist...“ Die Stimme von Papa bricht ab, er räuspert sich. „Also... zwischen mir und deiner Mutter klappt es in letzter Zeit nicht mehr so gut.“ Er senkt den Blick. Es tut weh, ihn so zu sehen. „Ich will nicht um den heißen Brei rumreden. Wir wollen uns scheiden lassen.“ Mein Herz bleibt wohl wirklich einen Moment lang stehen. Oh nein. Oh nein, das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Sagt, dass das ein Scherz ist. „Warum?“ Mehr als ein Flüstern bringe ich nicht raus. „Es klappt einfach nicht mehr.“ Mama schaut aus dem Fenster. Warum habe ich nichts geahnt? Warum kommt diese Meldung für mich so unerwartet? Warum...? „Das ist...“ Ich schüttle den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein!“ „Ist es aber. Es tut uns Leid. Ich werde vorrübergehend in ein Hotel ziehen und mir dann eine neue Wohnung suchen. Du kannst dir aussuchen, wo du wohnen willst.“ Erneut schüttle ich den Kopf. „Wie bitte?“, schreie ich dann. „Oh toll, ich darf mir aussuchen, wo ich wohnen darf? Aber ich darf mir nicht aussuchen, ob ich in einer glücklichen Familie aufwachse, oder?“ Ich stehe auf und verlasse das Haus. Renne die ganze Strecke bis zu Joe. Klingle. Die Tränen kommen erst, als ich mit ihr auf dem Bett sitze und sie mich fest in ihre Arme genommen hat.

Die Schule geht an mir vorüber wie nichts. Die Vorträge der Lehrer gehen bei ins eine Ohr rein und kommen zum anderen wieder raus. Meine Gedanken sind woanders. Warum ich? Warum meine Familie? Meine Ex-Familie? Joe streicht mir ab und zu über die Hand. In Mathe denke ich nur noch an die Worte von meinem Vater. „Du kannst dir aussuchen, wo du wohnen willst.“ Dann kommt die Wut. Auf keinen Fall werde ich mich unterkriegen lassen. Nicht von Menschen, die so mit mir umgehen, mir so meine Noch-Kindheit versauen, mich hintergehen. Mit einem Ruck richte ich meinen Blick auf die Tafel. Ein paar Stunden später umarmt mich Joe zum Abschied. Ich hocke mich vor der Schule auf den Fahrradständer und überlege, was ich machen soll. In die Stadt? Nee. Nach Hause? Hahaha. Wie lustig. Um zuzusehen, wie sich Mama und Papa gegenseitig ausweichen und betont höflich miteinander umgehen. Joe ist den ganzen Tag nicht daheim. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen. Ein paar Minuten vergehen. Vielleicht auch mehrere. Dann spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. „Miriam.“ Marvins Gesicht taucht neben mir auf. Seine grünen Augen schauen mich besorgt an. Er setzt sich neben mich. Wir schweigen eine Weile, dann fragt er mich leise: „Darf ich fragen, was passiert ist?“ Ich zucke mit den Schultern, antworte ihm nicht. „Tschuldigung. War ne dumme Idee, das zu fragen. Tut mir Leid.“ „Meine Eltern lassen sich scheiden.“ Die Worte kommen so plötzlich und unerwartet aus meinem Mund, dass ich selbst überrascht bin. „Oh Scheiße.“ Er lässt sich zurück auf den Fahrradständer sinken. „Kann man wohl laut sagen.“ Ich vergrabe mein Gesicht zwischen meinen Armen. Marvin streicht mir kurz über den Rücken. Ich muss daran denken, wie er zurückgezuckt ist, als ich ihn berührt habe... Wahrscheinlich fällt es ihm nicht leicht, mich auf diese Weise aufzumuntern. Und ja, das tut es. „Reden, ablenken oder weggehen?“, fragt er mich, ich verstehe gleich, was er meint. „Weiß nicht.“ Ein leichtes Lächeln huscht über mein Gesicht. „Aber weggehen ist nicht so doll...“ Einfach, weil seine Gesellschaft gut tut. Mich beruhigt. Jeden anderen hätte ich weggeschickt, sogar Joe. Aber Marvin strahlt Geborgenheit aus. Ob nur ich das merke, weiß ich nicht. Marvin ist wieder seinem berühmten Schweigen verfallen und hält sein Gesicht in die Sonne. „Ich weiß ja nicht so richtig, wie das für dich ist...“, fängt er an. „Aber möglicherweise kann ich mir das sogar ein bisschen vorstellen. Also, wie es dir geht. Mein Familie lebt zwar theoretisch zusammen, aber irgendwie trotzdem aneinander vorbei. Nie ist jemand für den anderen da.“ Er starrt seine Vans an. „Auch, wenn man das natürlich nicht mit deiner Situation vergleichen kann.“ Ich nicke langsam. „Doch, vielleicht kann man das. Vielleicht ist es bei euch sogar noch schlimmer.“ „Und jetzt?“ Er schaut mich wachsam an. Mit seinen höllisch grünen Augen. Nein, nicht höllisch, sondern wunderschön. „Weiß nicht. Mein Vater wird sich eine neue Wohnung suchen, dann geht alles seinen Lauf. Oder so.“ „Aber du bleibst doch hier?“ Einen Moment lang schaut er erschrocken aus. Süß. Ausgesprochen süß. „Klar.“ Ich muss ein bisschen lächeln. „Das ist für mich keine Frage. Ich ziehe doch nicht von meinen Freunden weg, nur weil meine Eltern nichts Besseres zu tun haben, als sich auseinander zu leben.“ „Gute Entscheidung. Ich... Wir würden dich vermissen.“ „Gott sei Dank.“ Er lacht und betrachtet die Wolken. „Danke, Marvin. Mir geht’s schon wieder besser.“, sage ich nach einem Moment. Und damit lüge ich nicht. Dieser Junge ist unglaublich. Beherrscht meine Stimmung wie ein Gott. Wie neulich, im Garten... „Was ist, kommst du noch mal mit zu mir?“ Kann der meine Gedanken lesen? „Okay, meinetwegen!“, sage ich, als wäre es das normalste der Welt, zu Marvin nach Hause zu gehen. Wir stehen auf und machen uns auf den Weg.

24.1.07 14:04

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