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MARVIN
„Marvin, gib mir doch bitte mal die Butter.“ Ich reiche meinem Vater die Butterschale und spieße mit der Gabel eine Olive auf. Ein Weltwunder, dass mal wieder die ganze Familie zusammensitzt. Dass keiner von uns streitet. Weder ich mit meinem Eltern, mein Bruder mit mir oder meine Eltern untereinander. Und ich genieße es ehrlichgesagt. „Wir könnten doch am Wochenende was zusammen machen.“, schlägt meine Mutter vor. Oh, aber zu sehr auf glückliche Familie müssen wir jetzt auch nicht machen... „Super Idee, Tina.“ Mein Vater schaut uns auffordernd an. Ich zucke lustlos mit den Schultern, auch weil mir gerade eingefallen ist, dass ich am Wochenende zweimal Bandprobe mit den beiden Jungs habe. „Ich hab schon was mit Johanna vor!“, sagt Tom. Na super, verbreitet mit ein paar Worten mal wieder schlechte Laune... Ich lehne mich zurück. Meine Mutter erzählt irgendetwas von ihrem Tag und die beiden anderen hören lachend zu. Meine Gedanken sind woanders. Bei meiner Gitarre. Der Band. Gott sei Dank war ich heute beim Lernen mit Miriam nicht so abgelenkt. „Na, wie läuft es denn eigentlich in der Schule, Marvin?“, fragt mich mein Vater. „Ganz okay.“ Ich will die Stimmung nicht versauen. „Ein Typ aus meiner Klasse hat mich in seine Band aufgenommen, ist ganz cool.“ „Ist ja schön, dass du dich so schnell einlebst.“ Meine Mutter strahlt. Manchmal ist sie wirklich zum Knuddeln. Ehrlichgesagt hab ich mir das „Einleben“ wirklich schwerer vorgestellt. Aber zum Glück gibt es auch noch nette Leute wie Christian, Tanja oder Miriam. Ich schaue aus dem Fenster, während Tom von seiner Klasse erzählt, vereinzelt lassen meine Mutter und mein Vater Lachlaute von sich hören. „Na ja, vielleicht war Mama ja mal wieder bei ihrem Liebhaber.“ Diese gekicherten Worte von Tom höre ich noch, dann sehe ich nur noch, wie mein Vater das Gesicht verzieht, aufsteht und weggeht. Ähm, hallo, was ist jetzt los? Auch meine Mutter schaut geschockt und rennt ihm hinterher. „Hä?“ Tom schaut mich fragend an. „Hab ich was falsches gesagt?“ Traurig zucke ich mit den Schultern. Und ich habe ernsthaft geglaubt, wir würden doch noch mal eine dieser Happy Families werden... Ich bringe meinen Teller in die Spülmaschine und gehe hastig in mein Zimmer. Tom bleibt verwirrt am Tisch sitzen. Auf meinem Bett setze ich meine Dreihundert-Euro-Kopfhörer auf und schalte Muse an. Erst werde ich wütend über meine Familie, doch das flaut mit der Musik ab und es bleibt nur noch Trauer...

24.1.07 14:05

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