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MARVIN
„Boah, so eine Scheiße! Wenn ich jetzt in Erdkunde nicht besser werde, werde ich höchstwahrscheinlich nicht versetzt!“ Ja, hoffentlich... Schon die ganze Zeit erzählt Tanja, wie schlecht sie ja ist, und wie schlimm es ihr geht... Seufzend stelle ich meine Ohren auf Durchzug – dem Müllerschmidt höre ich sowieso nicht zu, und schaue aus dem Fenster. Gestern war hatte ich noch Bandprobe mit den anderen. Wirklich nicht schlecht. Besser gesagt gefällt es mir so gut, dass ich am liebsten den ganzen Tag nur noch mit den Dreien Musik machen würde. Mein Blick fällt nach vorne, Miriam schüttelt in meinem Blickfeld die Haare. Ach ja. Ich habe mich ja mit ihr zum Lernen verabredet. Bin wohl geisteskrank, so freiwillig Volleyball zu üben und danach noch mit ihr Mathe zu pauken... Aber egal, eine Fünf in Sport muss ja auch nicht sein, und außerdem ist Miriam echt nett. „Hörst du mir zu?“, keift Tanja. Ich reibe mir die Augen und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Noch zehn Minuten, dann ist endlich Schule vorbei. Noch zehn Minuten Langeweile und Qual... Genervt lege ich meinen Kopf auf den Tisch und versuche zu dösen. Und der Müller labert und labert und labert... „Marvin, was würdest du dazu sagen?“ Plötzlich steht unser Französischlehrer vor mir und schaut mich über den Rand seiner Brille an. Wie ein Blitz schnelle ich hoch, natürlich keine Ahnung, was die Antwort auf seine Frage ist – ich weiß ja nicht mal, was der Typ gesagt hat. „Öhm...“ Ich bin schon dabei, mir eine ausweichende Antwort aus den Fingern zu saugen, als mir Miriam „Elle déteste sa frére!“ zuhaucht. Jedem ist klar, dass der Müller schwerhörig ist, also ist Einsagen im Französischunterricht nicht selten. Brav setze ich meinen strahlenden Blick auf und flöte den Satz, den mir Miriam zugeflüstert hat, blind vertrauend. Der Müller nickt grummelnd und setzt seinen Gang durch die Klasse fort. Miriam grinst mich schelmisch an und ich flüstere „Danke“. Ich träume noch ein bisschen vor mich hin, in der Hoffnung, dass der Müller mich nicht mehr drannimmt, und tatsächlich, ich überstehe die Stunde und räume meine Sachen in die Schultasche, nachdem es endlich gegongt hat. „Und, klappt das heute?“ Miriam hat sich an meinen Tisch gelehnt. Ich schließe meinen schwarzen Eastpack und stehe auf. „Klar, denkst du, ich lasse dich so einfach gehen?“ „Wieso, was macht ihr so?“ Tanja hat sich neben uns gestellt. „Nichts wichtiges, also tschüss, Tanja!“ Miriam zieht mich am Arm aus dem Klassenzimmer. „So, ab jetzt musst du mich führen. Hab doch keine Ahnung, wo du wohnst.“ Miriam grinst. Ich nicke und stecke meine Hände in die Hosentasche. „Sag mal... Du könntest doch eigentlich immer mit Tanja von der Schule nach Hause gehen!“ Miriam nickt in die Richtung, in die wir laufen, und mit ihrem Kommentar hat sie Recht. „Klar!“ Ich kichere kurz. „Deswegen nehme ich ja auch immer den Umweg!“ Miriam lacht kurz auf. „Oh, du Armer! Ich dachte, ihr seid ganz gut befreundet ?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ja, aber... Eigentlich ist sie echt nett, aber immer kann man sie dann doch nicht ertragen.“ „Haha. Da kenne ich noch jemanden, der genauso denkt.“ Grinsend zeigt sich auf sich selbst, ich lächle. Miriam geht ziemlich schnell, ich muss zügiger als sonst laufen, um mitzuhalten. Überhaupt ist Miriam nicht sehr mädchenhaft, stelle ich fest. Beinahe sind wir gleich groß. Was aber wohl eher daran liegt, dass ich ziemlich klein und zierlich bin... Sie schüttelt ihre Haare im Wind. „Kommt es auch immer so peinlich rüber, wenn ich in Mathe an der Tafel stehe, oder bilde ich mir das nur ein?“ Ich muss grinsen. „Ähm... Na ja, die Beste bist du wohl wirklich nicht, aber du bist wahrscheinlich auch die einzige, die darüber nachdenkt... Vielleicht willst du gar nicht wissen, wie wenig andere Leute an dich denken...“ „Alle? Denkt denn wirklich nie jemand an mich?“ Sie tut so, als wäre sie beleidigt. „Schön zu wissen.“ „Hey, hey. Ich spreche von den Menschen.“ Miriam schaut mir in die Augen. Tiefblau sind ihre. „Tussen. Machos. Selbstverliebte Arschlöcher.“ Ich nicke. „Genau.“ Sie seufzt und zupft an ihrer Netzstrumpfhose, die sie unter dem schwarzen Rock an hat. Bei Miriam sieht das aber nicht nuttig, sondern eher rockig, fast schon punkig aus. Ob sie sich wohl als Punk bezeichnet? Wir stehen vor unserem Haus, ich schiebe sie durch die Gartentüre in den Hauseingang. „Kannst deine Schuhe dahin stellen, wenn du die ausziehen willst!“ Ich zeige auf den Fußabstreifer, auf die ich meine schwarzen Converse gestellt habe, sie schlüpft aus ihren Vans uns stellt sie daneben. „Willst du was trinken?“ Ich gehe in die Küche, das einzige Zimmer in diesem Haus, das schon vollständig eingeräumt ist. „Mh...“ Sie betrachtet ein Bild an der Wand. „Das ist schön!“ Ich drehe mich zu ihr um. „Früher habe ich fotografiert... Das ist von mir.“ „Und warum tust du es nicht mehr? Sieht aus, als hättest du Talent...“ Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung. Übrigens, du bist die Erste, die Fotografieren als Kunst bezeichnet. Alle anderen, die ich kenne, haben keine Ahnung davon.“ „Ich eigentlich auch nicht...“ Sie nimmt mir das Colaglas ab, das ich ihr hinhalte. „Aber unter Kunst kann man viel verstehen... Unter anderem, so höllisch schlecht in Mathe zu sein. Also, mit was fangen wir an? Volleyball oder...“ Sie verdreht gespielt gequält die Augen, „Mathe?“ Ich grinse. „Eine halbe Stunde Mathe, eine halbe Stunde Volleyball und dann noch mal Mathe?“ Miriam lacht. „Oh, du bist ja organisiert!“ Ich nicke süffisant und gehe die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Vor der Tür bleibe ich stehen. „Nicht erschrecken. Dafür, dass wir gerade erst eingezogen sind, ist es erstaunlich ordentlich, also nicht meckern!“ Sie kichert und macht die Tür auf, bleibt stehen. Inspiziert die weißen Wände mit den schwarzen Fotografien und Band Postern, die daran hängen. Ich werfe mich auf mein Bett. „Die Wände werden noch tapeziert.“ „Warum hast du dann nicht mit dem Behängen gewartet?“ Sie zeigt auf ein Museposter. „Keine Ahnung. Ohne fühl ich mich nicht wohl.“ Miriam wirft mir ein Lächeln zu, ein eigenartiges. „Dann haben wir ja noch was gemeinsam..“ „Noch was?“ „Ich finde, wir sind uns in manchen Ansichten ziemlich ähnlich.“ Sie lehnt an meinem Schreibtisch. „Ach ja?“ „Muse. Ich lebe für Muse.“ Sie lacht. „Hm... Musik sagt ziemlich viel über einen Menschen aus, oder nicht?“, frage ich. „Das stimmt wohl.“ Ihre Augen nehmen einen verträumten Ausdruck an. „Muse...“ Miriams Augen sind plötzlich wieder auf mich gerichtet. “Muse ist Sehnsucht pur.” Die Unterhaltung wird mir langsam unangenehm. Zu intim, dafür, dass wir uns gerade mal ein paar Tage kennen. Und über meine Gefühle spreche ich eigentlich nie... „Du sehnst dich also nach etwas?“ „Ähm, du hörst doch auch Muse...“, weiche ich ihr aus. Lügen mag ich nicht. „Also, ich hol mal das Mathebuch.“ Während ich einen Block und die Bücher zusammensuche, spüre ich ihren Blick auf meinem Rücken. „Aaaalso.“ Ich konzentriere mich auf Mathe, als ich neben ihr sitze. „Was ist zwei plus zwei?“

24.1.07 14:06

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