-1

Joe malt Sternchen auf ihr Matheheft, Marvin redet mit Tanja, Tanja redet mit Marvin, die Eule redet was von binomischen Formeln und ich schaue aus dem Fenster, weil die Welt mal wieder langweilig und trist ist... Draußen ist es ziemlich grau, obwohl es ja eigentlich mal Frühling werden sollte. Immerhin hat der Ahorn vor unserem Klassenzimmer schon ein paar Knospen. Vielleicht... „Ähm... Miriam, würdest du mal bitte an die Tafel kommen und... Ähm.. Also, deine Hausaufgabe anschreiben?“ Äh... Was? Mit weit aufgerissenen Augen starre ich Joe an, die mir erst einen mitleidigen Blick zuwirft und mir dann auf den Rücken klopft, um mir zu sagen, dass ich jetzt endlich mal nach vorne müsste. Natürlich hab ich die Hausaufgabe nicht gemacht, einfach aus dem Grund, weil ich nichts, rein gar nichts, verstanden habe. „Tut mir Leid, Herr Schmidt, aber ich habe nicht verstanden, worum es in der Ha...“ „Egal, komm bitte trotzdem an die Tafel!“ Oh, die Eule klingt ja mal richtig selbstbewusst! Wahrscheinlich aus dem Grund, mich endlich mal richtig ärgern zu können, nachdem ich nie seinem hochwichtigem Matheunterricht folge. „Also, mach schon!“ Er winkt mir mit einem weißen Kreidestück zu. Langsam stehe ich auf und schleiche nach vorne, nehme die Kreide und warte auf eine Anweisung, die ich allerdings nicht bekomme. „Ja, jetzt fang doch an!“, fordert mich die Eule leicht genervt auf. „Mit was denn?“ Die Eule seufzt und diktiert mir eine Gleichung, ich denke die ganze Zeit an meine Note in Mathe: Fünf. Nachdem ich ein paar Minuten an der Tafel stehe, ohne auch nur einen sinnvollen Satz aus meinem Mund zu befördern, wird sogar die schüchterne Eule wütend. „Na das funktioniert ja super! Marvin, komm doch bitte an die Tafel!“ Oh. Marvin. Der hat jetzt alles mitbekommen... Er steht gerade auf und kommt auf mich zu. Mit einem unglaublich schönen Lächeln bleibt er vor mir stehen und streckt seine Hand aus. „Was?“, frage ich ihn, nachdem ich mich von dem Blick losreisen konnte. „Die Kreide!“ Seine tiefgrünen Augen blitzen belustigt. „Ach so...“, murmle ich verlegen – wie peinlich - und gebe sie ihn, dann stolpere ich zu meinem Platz zurück. Joe schaut mich aufmunternd an. „Na ja, soooo schlecht war das auch nicht!“ Ich ziehe meine Brauen zusammen. „Klar, und ich bin der Papst.“ Joe seufzt und bearbeitet weiter ihr Heft. Tja, wir Matheprofis... Mit eleganter Schrift schreibt Marvin die Gleichungen an die Tafel. Natürlich macht er keinen einzigen Fehler, stelle ich leicht angesäuert fest. Warum ist Talent so ungerecht verteilt? q.e.d, schreibt er an, quod erat demonstrantum. Als er wieder hinter mir sitzt, drehe ich mich um. „Wie kannst du das?“, frage ich mit einem verzweifelten Unterton. „Ist doch gar nicht so schlimm!“ Da, sein perfektes Lächeln... Fast hätte ich unter diesen Umständen vergessen, wo ich bin, doch dann besinne ich mich wieder auf meine katastrophale Mathenote und versuche wenigstens, mich zu konzentrieren.

Wenigstens in der nächsten Stunde kann ich mich von der Grausamkeit namens Mathematik erholen, denn unser Thema in Sport lautet Volleyball. Wir spielen in Sechsergruppen, ich stehe neben Joe und wir singen beide lauthals Blitzkrieg Bop, während wir die Bälle hin und her pritschen. Eigentlich bin ich nicht die Sportlichste, aber immerhin habe ich Kraft und Kondition. Was natürlich gut für Ballsportarten ist. Joe lässt zwar jeden zweiten Ball fallen, was sie aber nicht im Geringsten stört. Natürlich. Die Sportlehrerinnen werfen uns böse Blicke zu, was aber Joe provoziert, noch lauter zu singen. Tanja macht natürlich mit. Ich konzentriere mich auf den Sport, dann muss ich nicht an andere Sachen denken... „So, Gruppen wechseln!“ Rohdes Trillerpfeife gibt ein schrilles Signal von sich, ich bilde mit ein paar Mädchen aus der Parallelklasse eine neue Gruppe. Die Stunde vergeht langsam, ich habe endlich mal wieder das Gefühl, etwas Schulisches zu können. Neben dem Fach Musik. „Und jetzt noch zehn Minuten joggen!“ Rohde pfeift wieder, unsere andere Lehrerin, die Schratz, geht zur Stereoanlage und schaltet furchtbaren Techno an. Wer hat diese Musikart eigentlich für den Sportunterricht bestimmt? Heute ist wohl mein Glückstag, erst Volleyball und dann Joggen, wenn man mir zuschaut, könnte man meinen, ich sei eine Sportlerin... Na ja, allerdings hat die grausige Mathestunde nicht zu einem Glückstag beigetragen... Und das mit... Marvin und... Tanja...
Was denke ich da?, frage ich mich und schließe kurz die Augen. Immer auf das Laufen konzentrieren, links, rechts, links, rechts... Endlich wird die Musik ausgeschaltet, die Stunde ist vorbei, ich nehme mir meine Trinkflasche und gehe zu den Umkleiden. Joe ist mit Tanja verschwunden, also ziehe ich mich alleine um, endlich kann ich wieder in meine zerfetze Lieblingsjeans und meine Chucks schlüpfen... Mit der Sporttasche in der Hand verlasse ich die Umkleide und bin erst mal baff. Wer steht da, an der Wand gelehnt? Wie auf einem Poster aus einer Jugendzeitschrift, die andere in meinem Alter lesen?
Marvin. Ich merke, dass ich ihn anstarre, also senke ich meinen Blick und will an ihm vorbei, als er mich anspricht. Herzstillstand. „Na?“?“Äh... Hi.“ Wahrscheinlich werde ich gerade eben rot. „Auf was wartest du so?“, frage ich beiläufig und denke an Tanja. Er zuckt mit den Schultern und geht neben mir her. Äh... Na ja, auf mich hat er ja wohl kaum gewartet... „Du bist ja richtig sportlich!“, stellt er fest. „Wieso...?“, frage ich, erst nach einem kurzen Moment fällt der Groschen. „Du hast zugeschaut?“ „Warum nicht?“ Das spitzbübische Grinsen steht ihm gut. „Äh...“ Zum Teufel, kann ich nicht mehr richtig sprechen? Gott sei Dank spielen wir gerade in Sport Volleyball und hampeln nicht mit Handständen und so weiter rum... Das hätte leicht peinlich werden können! „So gut würde ich auch gerne Volleyball spielen können...“ Sein Blick klebt mal wieder auf irgendeinem entfernten Punkt, seine Stimme klingt verträumt. „Hähä, ich geb dir Nachhilfe.“ Na super, Miriam, das war echt intelligent! „Okay, wann?“ Ich grinse, doch da merke ich, dass er das nicht als Witz gemeint hat. „Öh... Willst du wirklich...?“ „Miriam.“ Er bleibt stehen. „So albern es klingt, in Sport stehe ich auf einer Vier, und Volleyball ist meine absolute Schwäche.“ Lässig zuckt er mit den Schultern. „Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als mir zu helfen!“ Er grinst. Oh, hilfe, das raubt mir die Sinne! Wie kann jemand, der so perfekt ist, in Sport auf einer Vier stehen? Na gut, Marvin ist dünn, beinahe schon mager, aber unsportlich...? „Ähm... meinetwegen...“ HILFE!!! „Wann, wo, wie?“ „Du kommst morgen nach der Schule mit zu mir! Und dann helfe ich dir bei Mathe, ist ja echt lustig, was dir da so alles an kreativen Formeln an der Tafel einfallen!“ Er grinst mich frech an und winkt mir zu, dann ist er in der Jungentoilette verschwunden. Oh mein Gott. Ich treffe mich mit Marvin... Ich treffe mich mit Marvin... Ich treffe.... Miriam! , ermahne ich mich selbst. Erstens sollst du keine Gedanken an einen Jungen verschwenden, und zweitens trefft ihr euch zum Lernen!!! Seufzend stelle ich fest, dass Sport die letzte Stunde war und ich jetzt endlich von der Irrenanstalt entlassen bin...

24.1.07 14:06

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen