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MARVIN
„Hast du die Hausaufgaben schon gemacht?“ Kaum sind wir ein paar Meter gelaufen, versucht Tanja schon wieder, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Im Grunde ist sie wirklich nett, und wenigstens nicht so eine Langweilerin oder Tusse wie die meisten Mädchen meiner neuen Klasse, aber nach ein paar Minuten geht mir ihr Gelaber einfach auf den Geist – so wie jetzt. Also zucke ich nur kurz mit den Schultern. „Was willst du eigentlich in der...“ Die Schwarzhaarige mit den rotgefärbten Haarspitzen hält den Zettel, auf dem ich die Adresse notiert habe, in der Hand und schaut mich fragend an. „Bachstraße.“ Ich grinse sie an. „Christian hat mir angeboten, in seiner Band mitzuspielen. Ich schau da mal kurz vorbei.“ Sie zieht die Brauen hoch. „Oh. Lass mich raten. Gitarre?“ „Woher...?“?Jetzt grinst sie. „Sieht man dir an. Ich habe da einen besonderen Instinkt...“ „Ha. Ich spiele aber leider auch noch Schlagzeug!“ „Du auch?“ „Ach, du auch?“ Wir lachen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie mich Tanja böse anfunkelt, warum auch immer. „Dann bist du also so richtig musikalisch?“, fragt sie mich. „Ähm... Behaupten alle, auch wenn ich das nicht finde... Na gut, ich spiel drei Instrumente, aber das will ja nichts heißen!“ „Drei?“ „Gitarre, Schlagzeug, Klavier.“ Anerkennend pfeift sie. „Ein Wunderkind.“ „Wie man´s nimmt.“ „Tut mir ja Leid, dass ich euch stören muss“, sagt da das Mädchen, von der ich den Namen Joe in Erinnerung habe, „Aber wir sind da!“ Sie zeigt auf eine unscheinbare Tür in einem unscheinbaren Haus. „Oh, super. Danke, Leute!“ Ich will schon zur Eingangstüre gehen, als ich mich noch einmal umdrehe. „Ähm... Wie heißt du gleich noch mal?“, frage ich die Schwarzhaarige. Sie lächelt. „Miriam.“ „Sorry. Alzheimer lässt grüßen!“ Ich winke den anderen zu, klingle an der Tür und stelle verwundert fest, dass meine Laune ausnahmsweise mal besser ist als sonst. Ein paar Schritte später stehe ich vor einer zweiten Tür, hinter der ich Stimmen höre. Die Band probt gerade, stelle ich fest. „Hey, ihr.“ Ich setze mich auf eines der beiden Sofas in der Ecke, weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Auch wenn diese Sorge völlig unbegründet ist, denn Christian nimmt seinen Bass und stellt ihn in den Ständer um mich zu begrüßen, Nico lässt ein „Hi!“, von sich hören und Till nickt mir immerhin zu. „Aaaalso.“ Christian hat sich neben mich gesetzt. „Du spielst also Gitarre?“ Ich nicke, auch wenn ich weiß, dass das eine rhetorische Frage war. „Till, Nico und ich spielen jetzt schon länger zusammen, aber einen festen Leadgitarristen haben wir bis jetzt nicht – du kommst wie gerufen!“ Ich lehne mich zurück und warte darauf, dass er fortfährt. Er schaut erst irritiert, weil ich nicht vor Freude an die Decke springe, doch dann erzählt er weiter. Das mit an-die-Decke-springen ist ja wohl zu verstehen. Viel, viel lieber wäre ich bei meiner alten Band geblieben... Bei Freaky. Aber was soll´s... „Jedenfalls haben wir schon zwei Konzerte hinter uns – da haben dich übrigens zwei Zehntklässer vertreten – und für die nächste Schulfeier sind wir auch angestellt. Also, wenn du mithalten kannst, bist du dabei.“ Ich verschränke die Arme hinter dem Kopf. Jetzt wäre die Stelle gekommen, wo die Jungs mir eines ihrer Songs vorspielen sollten, aber weil ich sowieso nichts besseres zu tun habe in dieser neuen Stadt, stimme ich ihnen zu. „Genehmigt.“, sage ich schlicht. „Du hast eine Gitarre?“, fragt mich Nico. Ungläubig starre ich ihn an. „Gibt es im Wald Bäume?“ Christian lacht. „So, ich würde sagen, wir fangen jetzt mal zu proben an. Marvin, du kannst ja mal zuhören, dann weißt du wenigstens, was auf dich zukommt.“ Die Jungs gehen wieder an ihre Instrumente und Nico gibt den Takt an. Und die Musik trifft mich wie ein Schlag, ich bin sofort begeistert und sprachlos, denn so was hätte ich beim besten Willen nicht erwartet. Nicht so etwas verdammt Gutes. Eine Mischung aus Punkrock, Crossover, Heavy Metall und Pop. Christians Stimme ist zwar nicht überwältigend, aber trotzdem okay. Auch die andern beiden halten sich gut. Und zum zweiten Mal huscht mir ein Lächeln über das Gesicht. Zwei Stunden später gehe ich grinsend heim.

MIRIAM
Ich liege mit Blacky auf dem Bett und bin immer noch leicht geschockt: ich habe mit Marvin geredet und dabei nicht gestottert oder sonstigen Schwachsinn von mir gegeben. Immer wieder muss ich an seine grünen Augen denken, die sonst doch immer so verträumt, traurig und sehnsüchtig an mir vorbeigeschaut haben. Aber diesmal... Ich seufze laut und knülle das Apfelgrüne Kissen in meinem Bett zusammen, lege mich dann auf den Bauch und presse mein Gesicht in das Fell von Blacky. Was ist nur in mich gefahren?, frage ich mich. „Blacky, was ist mit mir los?“, frage ich meinen Kater. Der mich darauf mit fragenden, großen gelben Augen anstarrt. Warum, verdammt noch mal, bekomme ich Marvin nicht mehr aus dem Kopf? Blacky maunzt wütend auf und trampelt auf meinem Bauch herum, gerade so, als wollte er sagen, wie erbärmlich es ist, dauernd und grundlos an einen Typen zu denken. „Ja, ja!“, motze ich zurück und gebe Blacky einen kleinen Schubs, dann setze ich mich an mein Schlagzeug und konzentriere mich. Üben ist angesagt. Auch nicht schlecht. Und die Mathehausaufgaben können auch mal wieder warten. One, two, three, four...

24.1.07 14:07

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