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MARVIN
Es klingelt. Endlich, Pause.
„Also bis dann!“, sagt Tanja freundlich. „Bis nacher!“
„Tschüss.“
Lustlos stehe ich auf. Und, was mach ich jetzt alleine in der Aula oder auf dem
Pausenhof? Ein Junge geht an mir vorbei, ziemlich groß und schlaksig. „Hey. Bock, mit mir runterzugehen?“, fragt er mich mit einem Lächeln. „Okay...“ Was besseres hab ich sowieso nicht vor. „Dann komm.“ Er zieht mich am Ellebogen erst aus dem Klassenzimmer und dann in die Aula. „Ich heiße Christian. Du Marvin, oder?“ Ich nicke. Respekt, er hat mich nicht Kevin genannt! Vor ein paar Jungs bleibt er stehen. „Also, das ist Freddi,“, er zeigt auf einen dicklichen Jungen, „Das Till“ ein Gutaussehender, „und das Nico.“ Ein Typ mit blaugefärbten Haaren – ist das hier die Schule der Punks? Nicht, dass ich was gegen Punk habe, eher im Gegenteil... „Hi, ich bin Marvin.“ Ein bisschen freundlich kann man ja mal sein. Christian wendet sich wieder mir zu. „Und, woher kommst du?“ Höflich erkläre ich ihm meine ganze Geschichte... „Und was machst du so den schönen Tag lang?“ Himmel, wie viele Fragen hat der denn parat? Ich zucke mit den Schultern. „Alle möglichen Instrumente spielen, und dann gibt’s ja noch die liebe Schule...“ Christian zieht die Brauen hoch. „Instrumente?“ Seine Stimme ist jetzt mit Neugier gespickt. „Und zwar?“ Seufz... wie oft musste ich diese Aufzählung schon durchführen? „Klavier, Gitarre, Schlagzeug...“ Ich grinse. „Und Blockflöte.“ Christian geht nicht auf meinen kleinen Witz ein sondern wendet sich Till zu. „Marvin spielt Gitarre!“ Er dreht sich wieder zu mir und erklärt. „Ich, Till und Nico haben eine Band, seit ungefähr drei Monaten. Schlagzeug, Gitarre, Bass und Gesang – aber ein Zweitgitarrist fehlt uns eben noch!“ Meine Laune bessert sich schlagartig – Und DAS ist ein Wunder, jedenfalls bei mir. „Bist du gut?“, fragt mich Christian. „Ähm... Na ja, nicht sonderlich...“ „Ach was, nur die Schlechten sagen von sich dass sie gut sind!“, lacht Christian gut gelaunt. Erst jetzt merke ich, dass sich Till neben mir steht. „Und, auf was für Mukke stehst du so?“ Seine Stimme klingt, wie ich finde, dabei ein bisschen arrogant. Ich zucke mit den Schultern. „Rock, alle möglichen Sorten. Da bin ich flexibel, solange es nicht Rammstein oder Hoobastank ist!“ „Super!“ Christians Augen strahlen. „Dann komm doch morgen gleich mal da vorbei...“ Auf einen kleinen Zettel, den er aus seiner Hosentasche gefischt hat, schreibt er mir eine Adresse auf und drückt sie mir in die Hand. „Als ich dich gesehen habe, wusste ich, wir würden uns verstehen!“ Er zwinkert mir zu. Bitte nicht zu freundlich. Es klingelt, die Pause ist vorbei, und schon sitze ich wieder neben Tanja im Deutschunterricht.

MIRIAM
Ich sitze an meinem Schreibtisch und mache Mathehausaufgaben. Na gut, ich versuche, die Mathehausaufgaben zu machen. Gedankenverloren sehe ich aus dem Fenster, zu den Tannen, die sich träge im Wind wiegen. Dummerweise kriege ich Marvin nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder kehren meine Gedanken zu seinen grünen Augen zurück, zu seiner leisen, beruhigenden Stimme... Mein Handy weckt mich aus meinen Gedanken, ich melde mich. „Ja?“ „Hey, Süße!“ Wer auch sonst. „Hi Joe...“, gähne ich. „Na, was machen wir gerade so?“ „Mathe.“ „Ha ha... Lass mich raten, du verstehst die Scheiße nicht und hast keine Lust und...“ „Erraten. Vor allem habe ich keine Lust.“ „Ich bin kurz mit Basti und Tanja an der Skaterbahn. Kommst du auch?“ Eigentlich habe ich keinen sonderlichen Bock, aber besser als sich mit den Hausaufgaben rumquälen... „Mh, Okay. Bin um drei bei euch.“ Mein Mathebuch schiebe ich in die hinterste Ecke meines Schreibtischs und damit auch in die meines Hirns und ziehe mir eine Sweatjacke über, dann schlüpfe ich noch in die gelben Converse und gehe die paar Meter bis zur Skaterbahn. Joe und Sebastian hocken schon knutschend auf einer Rampe und ich überlege mir, warum ich wieder auf Joe gehört habe und hierher gekommen bin. „Hallo.“ Ich lasse mich auf den Boden fallen. „Miriii!“ Joe beugt sich zu mir vor und umarmt mich, Sebastian begrüßt mich per Händeschlag. „Boah, wo bleibt die denn?“ Joe hat ihren Hals wie eine Schildkröte ausgestreckt, um nach Tanja Ausschau zu halten. „Muss die mit?“, seufzt Basti, der genauso wie nicht sehr begeistert ist von Tanja. Eigentlich ist sie ja ganz okay, aber manchmal kann sie einem auch echt auf die Nerven gehen. „Huhu!“, ruft Tanja da schon mit ihrer schrillen Stimme und hüpft zwischen den Rampen auf uns zu. „Und, gehen wir in die Stadt?“ Basti verdreht die Augen und grinst in meine Richtung, ich zwinkere ihm zu. In dieser Hinsicht verstehen wir uns besser als jeder andere. Joe nimmt Sebastians Hand und ich laufe neben den beiden her. Tanja quatscht mit Joe über Wizo, etwas, was Joe nicht mit ihrer besten Freundin Miriam machen kann, weil die lieber Muse und Madsen hört. Währenddessen versucht mich Sebastian vom neuen Fluch der Karibik zu überzeugen. In der Innenstadt erklärt uns Sebastian, dass er mal kurz in den Supermarkt muss, um ein paar Dosen Champignons und Paprika für seine Mutter zu besorgen. Ich lasse mich mit Tanja und Joe, die immer noch über Wizo labern, auf eine Bank nieder und schaue mich auf unserem Marktplatz um. Die Menschen hetzen von einen Laden in den nächsten, alle vollbepackt mit Tüten und Taschen; die meisten armen Säue sind wahrscheinlich Hausfrauen. Wie schön ist das Leben als Schülerin... Zwischen den abgehetzten Leuten erscheint plötzliche eine schwarze Wuschelmähne in meinem Blickfeld. Mein Herz schlägt wohl doppelt so schnell wie vorher. „Huhu, Marvin!“, schreit Tanja ungeniert über den Marktplatz, und schon steht er vor uns. Na toll, mit Tanja scheint er sich ja wohl schon toll angefreundet zu haben. „Hi!“, murmelt er, während sein Blick allerdings eher am Himmel als an uns klebt. „Auf was wartet ihr?“, fragt er uns, was ihn aber nicht zu interessieren scheint. „Auf meinen Liebsten, der im Supermarkt verschwunden ist.“ Joe zeigt auf den E-Center. Sehr groß scheint sie sich ja nicht für Marvin zu interessieren, stelle ich zu Sebastians Glück und zu meinem – was mich etwas erschreckt – fest. „Wo ist eigentlich diese Adresse hier?“ Er reicht Tanja einen Zettel. Hallo, Marvin, ich bin auch da! „Ach, das weiß ich, meine Oma wohnt in der Nähe!“, stellt Joe nach einem Blick fest. „Wir können´s dir ja zeigen!“ Marvin zuckt mit den Schultern und murmelt irgendetwas, das wie „Ok“ klingt, dabei schaut er einen unbestimmten Punkt hinter uns an. Sebastian kommt aus dem Supermarkt und wir setzen uns in Bewegung.

24.1.07 14:07

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