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MIRIAM
„Ui, der ist ja echt süß... Zwar nicht mein Typ, aber trotzdem!“, kichert Joe. Ich suche gerade ein Taschentuch in meiner Schultasche, und sehe deshalb nicht viel. „Jetzt schau doch mal!“
Ich komme aus meiner Tauchstation und gugge nach vorne.
Und mein Herz bleibt fast stehen. Oder vielmehr, es klopft wie verrückt. Ein Junge, so perfekt wie ein Junge nur sein kann, steht vorne, die Hände in den Hosentaschen. Seine schwarzen, längeren Haare stehen ihm wuschelig vom Kopf ab, er schaut aus dem Fenster – verträumt? Als er in meine Richtung schaut, fangen meine Hände an zu zittern. Grüne Augen, aber was für welche... Gewaltsam muss ich meinen Blick abwenden, um klar denken zu können.
Marvin heißt er... und läuft an mir vorbei. Ich erstarre. Hinter mir wird ein Stuhl gerückt, Tanja kichert irgendetwas. Und die Eule, so heißt er jedenfalls bei uns, versucht mit dem Unterricht anzufangen, was allerdings im allgemeinen Geschwätz untergeht. Meine Gedanken sind ebenfalls woanders – um genau zu sein, hinter mir. Grüne Augen... So perfekt wie...
Oh nein, das wird nicht leicht. Unauffällig wende ich meinen Blick zur Seite, sodass ich aus den Augenwinkeln den Neuen sehen kann. Er hat seinen Kopf auf die Hände gestützt und Tanja redet auf ihn ein. War ja klar... Seitdem sie nicht mehr mit Alex zusammen ist, gräbt sie alles an, was auch nur ein bisschen männlich ist. Marvin. Als er mich kurz anschaut, läuft mir ein warmer Schauer über den Rücken. Die Welt ist gemein – Er schaut so gut aus, warum muss er dann auch noch so stechend schöne Augen haben, und nicht ich? „Hör sofort auf!“, ermahne ich mich selbst. Wie oberflächlich...
Joe kneift mir in den Ellebogen, ich fluche kurz auf, was mir einen bösen Blick von der Eule einbringt.
„Wie findest du den jetzt?“
„Wen?“
„Na, Marvin! Den Neuen!“
„Ach so...“ Ich mache auf endlos gelangweilt. „Ja, ganz OK.“
„Also, wenn ich noch Single wäre, dann...“, kichert sie mit einem spitzbübischen Grinsen.
Nachdem sich Joe wieder den Kritzeleien auf ihrem Deutschheft zugewendet hat, vergrabe ich meinen Kopf zwischen den Händen. Am liebsten würde ich mich nach hinten umdrehen...
„Ähm... Miriam?“
Ich schrecke hoch. Warum muss mich die Eule immer dann aufrufen, wenn ich gerade nicht aufpasse?
„Öh ja, finde ich auch!“, versuche ich mich rauszureden.
„Könntest du... vielleicht... dem Unterrichtsgeschehen ein bisschen aufmerksamer folgen?“, fragt mich die Eule. Respekt, der wird doch nicht noch einmal seine Schüchternheit ablegen?
„Ja, klar!“, sage ich leichthin und schaue aus dem Fenster. Mehr wird unser Matheschlehrer dazu nicht mehr sagen, das steht fest. Und siehe da, er ruft Lisa auf. Tja, was hab ich gesagt?
Meine Gedanken schweifen wieder ab...

24.1.07 14:07

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