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MARVIN
Der Wecker klingelt schrill. Es ist ziemlich dunkel, und ich muss mich erst orientieren. Als mir einfällt, wo ich bin, seufze ich tief und starre genervt aus dem Fenster.
Der erste Schultag in der neuen, verdammten Schule.
„Marvin, kommst du?“, ruft meine Mutter von unten. Lustlos stehe ich aus dem Bett auf und ziehe mich an. Mein Nietengürtel ist natürlich in einem der Kartons... Wahllos ziehe ich eines der vielen schwarzen T-Shirts aus einer Kiste und genauso eine Jeans, der Nietengürtel muss bis heute Nachmittag warten. Im Bad stelle ich fest, dass meine Haare noch mehr als sonst abstehen, was mich jetzt aber nicht weiter stört...
„Marvin, wo bleibst du denn?“ Seufz.
Schnell suche ich mir noch meine Chucks aus eine der Kisten, nehme mir meine Schultasche und gehe runter zum Frühstücken.
Das morgendliche Gelaber lasse ich an mir vorüberziehen.
Nach einer halben Stunde stehe ich vor einem großen, weiß–orangefarbenem Gebäude. Na wunderbar. Ein bisschen komisch ist mir schon, als ich durch die Eingangstür das Schulgebäude betrete. Ein paar Schüler laufen an mir vorbei und beachten mich nicht weiter. Ich gehe den Gang entlang, bis zum Sekretariat, dass dank der vielen Schilder leicht zu finden ist.
„Herein!“, ruft eine Stimme, nachdem ich an der Tür geklopft habe.
Ein kleiner Raum mit großen Fenstern, rosa Vorhängen und riesengroßen Blumenbildern erwartet mich, am Schreibtisch sitzt eine Frau im mittleren Alter mit einer riesigen, lilafarbenen Brille und wild gelockten, strohigen braunen Haaren. Sehen eigentlich Sekretärinnen in Gymnasien immer so ... abgedreht aus? Erst in meiner alten Schule die kleine Frau, die immer Kopftücher getragen hat, und jetzt hier eine Hexe...
„Ohh wie schön!“, fängt die Brillenschlange an zu flöten. „Du bist bestimmt der Neue!“
Das Wort Neue spricht sie aus wie einen Zauberspruch, und ich überlege mir, ob das wirklich die Sekretärin ist, die da vor mir sitzt; oder nicht eine aus dem Irrenhaus Entflohene. „Lass mich raten, du bist...“ Sie blickt über den Rand ihrer riesengroßen Brille in ein dickes Buch.
„Kevin Boysen?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie mich fragend an.
„Marvin. Ich heiße Marvin!“, korrigiere ich sie genervt.
„Oh, schön, dass du ab jetzt an unserer Schule bist! Wir freuen uns alle!“, sagt sie in einem seltsamen Singsang. Ich freue mich nicht, und würde am liebsten Hals über Kopf diese Höhle von der Brillenschlange verlassen.
Diese fummelt an einem Ordner herum und sucht irgendetwas. „Aaaah!“ Sie drückt mir ein paar Zettel in die Hand. „Das sind sie ja!“
Mit einem dämlichen Grinsen erklärt sie mir, wo mein Klassenzimmer liegt und in welche Klasse ich komme.
„Du hast jetzt Herrn Schmidt. Mathematikunterricht!“
Immerhin Mathe, das verstehe ich wenigstens... „So, und jetzt husch, husch, ab in deine neue Klasse!“ Wie redet die mit mir? Vielleicht sollte ich ihr noch mal den Papierkram in meiner Hand zeigen – nein, ich bin nicht in der fünften, sondern in der neunten Klasse! Nachdem ich das Sekretariat verlassen habe, versuche ich mich zu erinnern, was die Hexe über die Lage meines Klassenzimmers erzählt hat – den Gang entlang, bis zur Treppe, ein Stockwerk höher dann Raum 267.
Aus den Zimmern kommen Schülerstimmen, manchmal auch die von wütenden Lehrern. Sehr einladend wirkt das nicht. Oh, da... 267 – Klasse 9c
Bringen wir es hinter uns. Dreimal klopfe ich, sofort macht mir ein Mann mit abstehenden, blonden Haaren und einer Brille auf. Um die dreißig, schätze ich. „Oh, komm doch rein. Du musst Kevin sein.“
Hallo, haben die hier alle geschädigte Ohren? „Marvin.“, murmle ich genervt, doch das hört mein zukünftiger Deutschlehrer wohl nicht mehr. Gehörgeschädigt, sage ich doch.
Ich trotte ihm hinterher. „Ähm... Ruhe, bitte!“, versucht der Schmidt schüchtern, um Ruhe zu sorgen. Lange ist der bestimmt noch kein Lehrer, denke ich. Meistens ist es so, dass sich die Lehrkräfte kein bisschen durchsetzen können, wenn sie neu sind. Der Himmel ist immer noch grau, auch wenn es schon Mitte März ist, stelle ich mit einem Blick durchs Fenster fest. Ich erkenne ein paar Machogesichter, ein paar durchschnittliche und wie immer gibt es auch in dieser Klasse ein paar Tussen. Dann schaue ich in die Klasse, als Herr Schmidt es endlich geschafft hat, für Ruhe zu sorgen.
„Also, das ist... Kevin... Äh...“ Verschüchtert schaut er mich an.
„Ich heiße nicht Kevin sondern Marvin!“, verbessere ich ihn wieder.
„Oh. Also, schön, dass du hier bist, Marvin. Setz dich doch neben Tanja, da ist ein leerer Platz.“
Ach, ja, Tanja. Das Mädchen mit dem pinken Haaren winkt mir zu. Vor ihr sitzen zwei weitere auffällige Schülerinnen – eine mit grünen Haaren und eine mit... rabenschwarzen, ihre Haarspitzen sind knallrot gefärbt. Gemächlich gehe ich bis ans hintere Ende des Raumes. Die grünhaarige grinst mich an. „Hey!“, begrüßt mich Tanja. „Und?“

24.1.07 14:08

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