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MARVIN
Ich baue gerade mein Bett neu zusammen, als mir der Gedanke an die neue Schule kommt. Probleme, mich in der Gemeinschaft einzufügen habe ich nicht, so meine Mutter, aber der selbstbewussteste bin ich garantiert auch nicht... Wahrscheinlich besteht meine neue Klasse aus dummen, kichernden Tussen und unverständnisvollen Machos, die nur an Autos und Weiber denken... Ich seufze tief und lege mich auf den Boden. Morgen, der erste Tag in der neuen Schule. Lust habe ich null. Auch auf das Bett-Zusammenbauen plötzlich nicht mehr, also nehme ich mir meine Jacke und gehe an meinem Vater und meiner Mutter vorbei, die mal wieder streiten, nach draußen. Die Wolken haben sich verzogen, trotzdem bessert sich meine Laune nicht. Mit den Händen in der Hosentasche laufe ich die Straße entlang. Nach zehn Minuten komme ich in ein Villenviertel. Schon beim Hinsehen wird mir schlecht. Wie lange soll ich das hier in dieser Gegend aushalten? Ein Bonzenwagen neben dem anderen, die mit einem Lineal beschnittenen Büsche reihen sich fein säuberlich aneinander.
„Hey, du!“ Plötzlich steht ein Mädchen mit pink gefärbten Haaren hinter mir.
„Äh...“
„Bist du nicht neu hierher gezogen?“
Ich nicke. Immerhin keine blonde Tusse mit Minirock...
„Hi. Ich bin die Tanja. Du kommst wahrscheinlich in meine Klasse!“, sagt Pinki. „Hast du auch einen Namen?“
„Marvin.“, murmle ich. Wenn ich gerade gute Laune hätte, würde ich mich vielleicht ein bisschen mit ihr unterhalten, doch ich HABE keine gute Laune.
Das Mädchen, das sich als Tanja vorgestellt hat, grinst mich schief an.
„Na ja, dann bis bald, Marvin!“ Sie dreht sich um und geht in eines der Bonzenhütten. Genervt hole ich meinen MP3 Player aus der Jackentasche und schalte ihn an. Madsen. Dem Bonzenviertel schließt sich erst ein Industriegebiet an, dann bin ich in der Innenstadt. Immerhin kein Kuhkaff hier... Wenigstens einen guten CD-Shop gibt es, stelle ich mit Kennerblick fest. Mit ein paar Schritten stehe ich vor den Plattenregalen und suche ein paar CDs von meinen Lieblingsbands. Na immerhin, davon gibt es hier genug. Mit einer neuen Muse CD verlasse ich den Laden und mache mich auf den Heimweg. Wieder durch das Industriegebiet, ins Viertel der Reichen... Mein MP3 Player ist ausgeschalten in meiner Jackentasche, um so mehr erschrecke ich auch, als ich ein erschreckendes Geräusch höre: ein Hund bellt.
Mein Herz fängt schneller an zu schlagen, als ich mich hektisch umdrehe und in die braunen Augen von einem Golden Retriever sehe. Der Gott sei Dank hinter einem Zaun steht, trotzdem fangen meine Hände an zu zittern und ich drehe mich um, fange an zu rennen.
Der Sportlichste war ich noch nie, deswegen mache ich bald schlapp, glücklicherweise weit weg von dem Ungetüm.
Ich stütze mich an einem Gartenzaun ab und atme tief durch. Meine Panik vor Hunden wird mich noch einmal ins Grab bringen... Den Weg nach Hause – Nach Hause, jetzt benutze ich dieses Wort schon ohne zu Überlegen, furchtbar – überlebe ich ohne weiteren großen Hindernissen.




MIRIAM
„Stell dir vor – Unsere Klasse erhält wahrscheinlich Zuwachs!“
Wieder typisch Joe, kaum habe ich das Telefon abgenommen und mich mit einem „Ja?“ gemeldet, werde ich von Joe ohne Begrüßung mit neuen Infos überschüttet.
„Ja?“, erwidere ich kurz angebunden. Es ist acht Uhr und ich habe bisher weder Hausaufgaben gemacht, noch Schlagzeug geübt.
„Jaaa, wir bekommen einen Neuen! Tanja hat ihn heute gesehen, und sie meint, er sieht echt süß aus! Ist doch total cool, oder? Also wenn ich nicht – „ „Schön für dich, aber du weißt dass ich mich nicht sonderlich für Jungs interessiere, Joe.“
„Nicht mehr, meinst du, oder? Du interessierst dich nicht mehr für Jungs?!“
Es ist still in der Leitung, ich halte inne mit dem Kraulen Blackys Fell.
„Miriam, bist du noch dran? Na ja, ist ja auch egal. Jedenfalls...“
Ich höre auf, ihr zuzuhören. Von wegen egal. Gedankenverloren schaue ich in Blackys gelbe Augen und fängt an zu Schnurren.
„Also, wir sehen uns morgen, okay?“ Joe ist wohl fertig mit ihrer Rede.
„Ja, gute Nacht, bis morgen...“
Ich stecke das Telefon in die Ladestation, hole mir ein Glas Oliven und beginne mit den Hausaufgaben – was aber gar nicht so leicht ist, weil ich den Worten von Joe nachhänge...
Irgendwann gebe ich auf und bringe die Oliven in die Küche zurück. „Na, Süße?“ Mama steht am Herd. “Schon mit Hausaufgaben fertig?”
Ich seufze. „Nö, Mathe ist einfach zu kompliziert.“
„Ach, Miriam. Ich wünschte, ich könnte dir helfen. Aber in Mathe bin auch ich die totale Niete.“
„Schon okay.“
„Du kannst ja mal Papa fragen. Der hilft dir bestimmt.“ Ich nicke, und weiß, dass ich das sowieso nicht machen werde. Lieber übe ich noch ein bisschen Schlagzeug, das kann ich wenigstens.
„Abendessen gibt es in einer Stunde!“, ruft Mama mir hinterher, als ich in mein Zimmer zurückgehe.

24.1.07 14:08

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