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„Das wird soo geil!“ Joe beobachtet mich, wie ich mit den Fingern in der Soße rühre, die Haarfarbe darstellen soll.
„Deine armen Haare. Die würden sich beschweren, wenn sie es könnten, sage ich dir...“
„Ach Quatsch.“ Sie lacht. „Wenn sich hier jemand beschwert, sind es meine Eltern. Auch wenn die sich langsam mal dran gewöhnt haben sollten...“
„Und du bist dir sicher, dass wir die einfach neu färben können, auch wenn noch rote Farbe drin ist...?“
„Jaja...“, meint Joe abwesend, während sie die Packung der Farbe studiert. „Und in einer Stunde sind meine Haare...“ Sie dreht die Vorderseite der Verpackung zu mir, „neongrün. Ha! Und jetzt fang doch endlich ahaaan...“
Sie dreht sich auf dem Schreibtischstuhl einmal in Lichtgeschwindigkeit um sich selbst und schaltet mit der großen Zehe den CD Player an, den sie ins Bad geschleppt hat.
„Na super! Joe, setzt dich doch jetzt mal ruhig hin, sonst hast du später die Farbe überall hängen, nur nicht in den Haaren...“
Nachdem Joe endlich den CD Player in Gang gebracht hat und Muse durch das Badezimmer schallt, setzt sie sich gerade hin und ich fange an, ihr die Haarfarbe in ihrer Mähne zu verteilen.
„Hooooold you in myyy arms, I just wanna tooo hooold you in myyy arms...“, singt Joe mit. Was nicht gerade schön klingt, Joe ist nun mal nicht die musikalischste, ganz zu ihrem Bedauern. Vor einem Jahr hat sie den Traum, Gitarre zu spielen und eine eigene Band zu gründen, aufgegeben, und bewundert mich jetzt immer dabei, wie ich Schlagzeug spiele. Zurzeit leider alleine, weil meine alte Band keinen Bock mehr auf gute Musik hatte...
„Wie weit bist du?“, unterbricht Joe meine Gedanken.
„Nicht sehr weit.“
„WIE weit?“
?Seufz. „Ich hab ungefähr dreißig Prozent geschafft, du ungeduldiges Kind!“
„Angeberin!“ Joe fängt an zu kichern. „Du kannst doch gar nicht in Prozent rechnen!“
„Tja, dafür kannst du kein Latein. Wir schreiben übrigens übermorgen Schulaufgabe.“
Abrupt ist sie still. „Äh... was?“, murmelt sie nach einer schönen, schweigsamen Minute. „Schulaufgabe? Latein?“
?“Ja. Sag bloß, du hast es schon wieder vergessen!“, seufze ich.
„Äh... Ups.“ Joe wird bleich. Kein Wunder, in Latein steht sie auf einer glatten Fünf, und Chancen auf eine Besserung gibt es nicht...
„Tja, liebe Joe, vielleicht hättest du das früher bemerken und lernen sollen!“, grinse ich und beuge mich zu ihr hinunter. „Brauchst du Hilfe?“
„Nee, schon Okay...“, murmelt sie gedankenverloren. Soo unglücklich bin ich nicht darüber, von ihren Bemühungen, die lateinischen Texte zu übersetzen, verschont zu bleiben, also frage ich nicht weiter nach. Dann habe ich zwar zwei Tage lang niemanden zum Abhängen, aber ein paar Stunden faul sein kann ja auch nicht sehr ungesund sein. „Dreh mal lauter!“, fordere ich Joe auf – Supermassive Blackhole, eines meiner Lieblingssongs ist grad dran – und bearbeite weiter ihre Haare.

MARVIN
Das soll es also sein, mein neues zuhause. Ein nicht kleines und nicht großes, weißes Haus mit Garten außenrum. Zwei Bäume, ich glaube Buchen, stehen am Gartenzaun, eine Garage ist am Haus angebaut.
Die Hütte wirkt jetzt noch frustrierender, als sie es gestern tat, als wir hier aufkreuzten, um die Bruchbude zu besichtigen. Drinnen war ich noch nicht, wollte noch einen Tag lang verschont bleiben.
„Na dann mal los!“, fordert uns meine Mutter mit unnatürlicher Freunde auf.
Ohne Widerrede schnappt sich Tom sein Gepäck und verschwindet im Haus, meine Mutter folgt ihm. „Komm jetzt!“ Oha, die blendende Laune meines Vaters. Der greift sich einen Koffer und steigt über die Kartons, die der Möbellieferant schon hierher gebracht hat, in mein neues Heim. Seufzend gehe ich den Kiesweg entlang, durch die Haustür und stehe im Flur. Es gibt hier viele Fenster, deswegen ist es ziemlich hell.
„Marvin, komm doch, ich zeige dir dein neues Zimmer!“ Meine Mutter legt einen Arm um mich und zerrt mich die enge Treppe hoch, bleibt dann mit mir vor einer Tür stehen. „Tina? Tina, komm sofort runter!“, brüllt mein Vater mit wütender Stimme von unten, und sie geht mit grimmigen Blick die Treppe wieder runter.
Zögernd stoße ich mit dem Fuß die Tür auf, lege den Kopf schief und inspiziere mein neues Zimmer. Sehr groß ist es nicht, aber für mich trotzdem groß genug.
Wahrscheinlich hat sich Tom gleich wieder auf das größere Zimmer gestürzt. Was soll´s... Ein paar Kisten und mein Sofa aus der alten Wohnung stehen bereits da. Die Wände sind weiß gestrichen, ich fühle mich wie in einer Arztpraxis... Traurigkeit erfüllt mich, als ich das graue Wetter durch das Fenster sehe und ich lasse mich auf meinem schwarzen Sofa nieder. Warum mache ich das hier eigentlich mit?

MIRIAM
„Das Wetter geht mir auf die Eierstöcke... Mann, das soll Frühling sein?“, seufzt Joe. Wir stehen vor der Schule, ein paar Jungs drängeln sich an uns vorbei. Mein Blick sucht mein Fahrrad, ich war heute morgen gezwungen, mit dieser Foltermaschine zu fahren, weil mein Vater mal wieder keine Lust hatte, mich zur Schule zu bringen...
„Hörst du mir zu?“ Joe wedelt mit der Hand vor meinem Gesicht rum. „Ts, dann werde ich mich mal hinter meine Lateinbücher begeben...“
„Klar, du lernst jetzt noch ganz fleißig!“ Meine Stimme trieft vor Ironie und ich boxe Joe in die Seite. Sie schaut mich böse an. „Mir bleibt ja wohl nix andres übrig als pauken!“, motzt sie. „Also, dann mal ran an die Scheiße...“
Ich habe mein Fahrrad entdeckt, verabschiede mich von Joe und lasse mich vom Strom aus dem Schulgebäude schieben. Weil die Wolken wirklich nach Regen aussehen, beeile ich mich, nach Hause zu kommen. Wie immer ist nur Jessica daheim, deswegen nehme ich mir ein Glas Oliven und schalte meinen Computer an. Meine Chucks pfeffere ich in die Ecke, dann drehe ich die Heizung ein bisschen hoch.
Ich logge mich kurz in ICQ ein und öffne gleichzeitig Dreamweaver, das Programm, mit dem ich meine neue Homepage erstelle. Sebastian ist als einziger online.

Fucking Freak:
Tach...

Sebastian:
Hey ho… Sorry, bin gleich wieder weg. Probleme mit dem Computer...

Fucking Freak:
Tja, so ist das als Benutzer von Windows!

Sebastian:
Angeberin :D


Fucking Freak:
Tja, ich schwöre eben auf Mac...

Sebastian:
So, ich muss... Tut mir Leid, tschüss!

Fucking Freak:
Bis bald...

Ich kille die Verbindung mit dem Internet und starre lustlos auf den Bildschirm. Eigentlich habe ich gerade eben keine Kreativität, um meine Homepage sinnvoll zu erweitern... Nach ein paar Minuten gebe ich es auf, schalte den Computer aus und lege mich mit dem neuesten U-Mag auf mein Bett, die Oliven in der linken Hand.
Blablabla, Virginia Jetzt, langweilige Band, +44, dumme Band... Gelangweilt blättere ich die Zeitschrift durch, und bin schon fast am Ende angekommen, als mich ein Gewinnspiel aufmerksam macht. Konzertkarten. Für Muse. Muse, verdammt!
Vor einem Monat habe ich mir geschworen, endlich mal etwas zu gewinnen – nachdem ich fünfzehn Jahre lang kein Glück hatte, und ab diesem Tag bei jeder Gewinnchance teilgenommen. Also schreibe ich aus Routine eine SMS an die angegebene Nummer. Dann werfe ich das U-Mag zu meinen Schuhen und mache mich genervt an die Hausaufgaben: Latein, Mathe und Physik...

24.1.07 14:10

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